Letzte Plätze in den deutschen Reihen, Interviews über Kiddies und wildes Wechseln in Schweden. Die europäischen Finalspiele der Extreme Masters haben erneut gezeigt, dass der Jahreswechsel mitten in der Saison dem CS-Turnier schadet. Eine Analyse und Lösungssuche von Ulrich ‚FlyingDJ‘ Schulze.
Während sich in Deutschland aktuell der Winter zurückmeldet, gehen im Wüstenstaat Katar die Thermometer langsam wieder regelmäßig über die 20 Grad Celsius hinaus. Bei leichtem Sonnenschein wäre nun das perfekte Wetter für eine nicht überaus schweißtreibende Partie Fußball. Das hat auch die FIFA bemerkt und angeblich, in Befürchtung einer unerträglich heißen Weltmeisterschaft im Sommer 2022, einen revolutionären Plan entwickelt: Anders als in den bisher fast 50 Spieljahren der Bundesliga würde sich eine Saison dann nicht mehr über zwei Kalenderjahre von August bis Mai erstrecken, sondern im Februar beginnen und im Oktober ihren Meister küren. Europa- und Weltmeisterschaft sollen dann entsprechend bereits im ersten Quartal eines Jahres ausgetragen werden.
Auch wenn diese Erwägungen umgehend dementiert wurden und sich die Frage nach der Machbarkeit in kälteren Regionen der Welt stellt – die Überlegung allein zeigt, dass auch im traditionellen Sport historische Gegebenheiten mitunter eine Anpassung an den Zeitgeist erfordern. Umso mehr ist es also gerechtfertigt, die ESL zu einer Umstellung der Intel Extreme Masters auf eine pro Kalenderjahr stattfindende Saison aufzufordern. Das vergangene Wochenende hat gezeigt, dass der aktuelle Rhythmus dem Stellenwert des Turniers in keinster Weise gerecht wird und ihm oft mehr schadet als nützt.
Heute hier, morgen dort
Für Fans im elektronischen Sport ist es schwer genug, leidenschaftliche Anhänger eines CS-Teams zu werden. Es gibt kaum Identifikationsmerkmale, die über den Namen und das Heimatland der jeweiligen Organisation hinausgehen. Von gelegentlich vorhandenen Elementen der Tradition abgesehen, bleibt somit kaum mehr als die Spieler selbst, an denen sich die Zuschauer festhalten können. Die Polen von Frag Executors sind ein leuchtendes Beispiel für Konstanz: Im aktuellen Lineup befinden sich noch vier der fünf Spieler, die auf der WSVG in London zum ersten Mal auf sich aufmerksam gemacht haben – vor fast fünf Jahren, einer halben Ewigkeit im eSport. Aber nicht jedes Team besitzt dieses Durchhaltevermögen.Besonders in Deutschland wird halbjährlich zur neuen EPS-Saison fröhlich getauscht, insbesondere zum neuen Jahr enden viele Verträge und mit ihnen viele Teamzugehörigkeiten. mousesports fuhr daher mit drei neuen Spielern nach Kiew, im Team von Alternate liefen gleich fünf frische Akteure auf. Auch SK Gaming und Fnatic, die sich noch vor wenigen Monaten einen unschönen Krieg um Gux geliefert hatten und dabei den Eindruck ewig geltender Aufstellungen erzeugten, würfelten für 2011 ihre Lineups ordentlich durch.
Wer also beim Event in Shanghai oder während der Hauptrunde für eine bestimmte Mannschaft und ihr Weiterkommen gejubelt hatte, muss nun erst einmal die Namen der neuen Spieler lernen oder sich im schlimmsten Fall für die freuen, die vor Kurzem noch beim Konkurrenten gespielt haben. Wegen der geringen Mannschaftsgröße verändern dabei schon zwei neue Spieler den Charakter des Teams erheblich. Es ist kaum möglich, auf diese Art und Weise eine treue Anhängerschaft zu gewinnen und diese auch zu behalten. Neben den nationalen Ligen sind die Extreme Masters das einzige Event, das noch eine Geschichte über einen längeren Zeitraum bietet. World Cyber Games, ESWC und Co. betrifft diese Problematik, sofern sie denn überhaupt die typischen multinationalen Clanteams zulassen, nur in abgeschwächter Form.Mixteams unter sich
Allerdings liegt das Problem nicht nur abseits des Spielfeldes. Zwei deutsche Teams, die jeweils Gruppenletzter werden, nehmen besseren Mannschaften die Plätze weg. Insbesondere Alternate, als absolutes Mixteam vor Ort und mit desaströsen Leistungen wieder abgereist, stellt sich noch dazu mit einer öffentlichen Schlammschlacht als unwürdiger Teilnehmer eines europäischen Finales dar. Auch mousesports, die ihren Slot noch mit gob, Kapio und Blizzard erspielt hatten, zeigten sich mit drei neuen Spielern noch nicht mit angemessener Spielstärke. Unter den besten Vier finden sich dann auch, neben dem von exzellenter Vorbereitung profitierenden Fnatic, die Mannschaften mit den konstantesten Lineups.Die Tatsache, dass zum Jahreswechsel neue Spieler eingestellt werden und alte gehen müssen, ist allerdings grundsätzlich weder verwerflich noch ungewöhnlich. Was im Fußball in der Saisonpause passiert, findet im eSport zwischen den Jahren statt. Weil die Budgets der großen Teams auf Sponsoren fußen und diese gewöhnlich jahresweise ihr Engangement verkünden, ist die Planung eines neuen Teams inklusive Gehaltsstruktur auch nur auf dieser Grundlage und zu diesem Zeitpunkt effektiv möglich. Die Änderungen ligaseitig zu verbieten oder einzuschränken, wie in den nationalen Ligen üblich, wäre also nicht nur wenig zielführend, sondern auch kaum durchzusetzen.
Von Messe zu Messe
Es muss eine andere Lösung gefunden werden. Weil die zwei großen Messen des Jahres, GamesCom und CeBIT, traditionell als Kickoff und Abschluss der Saison herhalten, liegt es auf der Hand, diese Reihenfolge einfach umzukehren. Auf der CeBIT würde somit die Saison starten, während sie auf der GamesCom endet. Als reine Spielemesse ist diese ohnehin der angemessenere Ort für die finalen Entscheidungsspiele. Und während die CeBIT ein Publikum von 330.000 nur mäßig spielebegeisterten IT-Fachbesuchern aufbieten kann, liefert die GamesCom mehr als 250.000 potenzielle Kunden, deren primäres Interesse auch dem eSport gilt. Dass englische Moderation auch dort kein Problem darstellt, hat die Erfahrung aus dem Jahr 2010 gezeigt.Nicht nur die Extreme Masters selbst würden von dieser Lösung profitieren. Auch das lange Zeit stiefmütterlich behandelte und im letzten Jahr in einer entfernten Halle untergegangene ENC-Turnier könnnte mehr Aufmerksamkeit bekommen und einem entspannteren Zeitplan unterworfen werden. Platz genug ist in Halle 22 des Messegeländes Hannover in jedem Fall; die Messe selbst internationaler und damit dem internationalen Turnier deutlich mehr auf den Leib geschneidert. Auf die ohnehin als Mixteam antretenden Mannschaften hat der Jahreswechsel keine Auswirkungen. Im Gegenteil: Wie jetzt im Falle von SK und Fnatic würde die Nationalmannschaft sogar davon profitieren, dass auch Trainingserfahrung mit den anderen Nationalspielern gesammelt wird.
Als größte Hürde dürfte sich schließlich die Frage erweisen, auf welche Art man den Wechsel schafft, ohne monatelang auf Einnahmequellen und Werbeplattformen zu verzichten. Aber vor diesem Problem steht auch die FIFA. Und was im riesigen Maßstab des Weltfußballs möglich ist, sollte im eSport erst recht umsetzbar sein.



