Thomas ‚Khaldor‘ Kilian hat es nicht leicht. Regelmäßig überträgt der Projektleiter von Gamesports diverse Turniere, regelmäßig stand er dabei im Schatten von Basti ‚HomerJ‘ Schenck und Dennis ‚TaKe‘ Gehlen. „Ein Muster ohne Wert“, so würde es Kilian wohl selbst beschreiben. In der Heimat viel gescholten, gelangte er durch die Assembly-LAN nun zu internationalem Ansehen. Eine Bilanz von Finn ‚pille^‘ Friedrichs.
Im Ensemble des Caster-Theaters spielte Khaldor bislang nur eine Nebenrolle. Im niedrigen vierstelligen Bereich bewegten sich bislang seine Zuschauerzahlen. Während HomerJ eine große Fangemeinde hinter sich weiß und TaKe sich durch eigene, einzigartige Veranstaltungen national und global einen Namen machte, blieb Khaldor nur die Rolle des ungeliebten Stiefbruders. Dabei sind die Voraussetzungen nicht die schlechtesten. Ein kleines, aber feines Studio, gute Ton- und Bildqualität, Studiokamera, gepflegtes Äußeres – doch das reichte dem Zuschauer bislang offenbar nicht.
Die nackten Fakten belegen dies. Auf seinem Youtube-Kanal HDHomerJ erreicht dieser durchschnittlich 20.000 bis 30.000 Zuschauer. Über 9 Millionen Aufrufe insgesamt, bei 36.500 Abonennten. Die Werte von KhaldorTV sind ungleich niedriger: 185.000 Videoabrufe, 3.337 Abonennten. Selbst DerFrodo ist ähnlich erfolgreich. Im Gegensatz zu TaKe, dessen Channel TakeTVTaKeSen auf Youtube auf über 12.000 Abonennten kommt, kam er auch noch nicht in den Genuss eines eigenen TeamLiquid-Fanclubs.
Wie viele andere aktuelle StarCraft 2-Größen kommt Khaldor aus dem Bereich Warcraft 3. Er war langjähriger Manager bei 4Kings und mousesports, betreute danach als Supervisor die internationale Liga NGL One. Heute ist er Projektleiter bei GameSports und myStarCraft. In Warcraft war er noch ein Aushängeschild als Kommentator, es gelang ihm aber nicht, diesen Status in den populären RTS-Nachfolger zu transferieren. Ähnlich wie für Phil ‚FiLLy‘ Klockow scheint die Warcraft 3-Vergangenheit eher Hindernis als Hilfe zu sein. Vielleicht liegt es an den vielen Erinnerungen an das alte Spiel, die mit derlei Kommentatoren assoziiert werden. Dem Spiel, das letztendlich zugunsten des Nachfolgers in der Mottenkiste verschwand. Dem Spiel, das heute nahezu tot ist.
Auftrieb durch Assembly-LAN
Vergangenes Wochenende gelang es Khaldor sich die Übertragungsrechte für die Assembly-LAN zu greifen. Einem Event mit gerade mal 5.000 Euro Preisgeld, aber einem sehenswerten Teilnehmerfeld. Vor Ort waren lediglich TheBeard und GLHF.TV als englischsprachige Caster engagiert. Khaldor war eigentlich als Kommentator für die deutschsprachige Szene zuständig. Am Freitag verfolgten knapp 5.000 Zuschauer das Event auf seinem Stream, auch eSports-Interessierte die überhaupt kein deutsch sprachen, schalteten ein. Am Samstag hatte die Nachricht von seinem Stream die Runde gemacht, bis zu knapp 10.000 Viewer sahen den Stream gleichzeitig.
Sean ‚Day9‘ Plott sagte auf der Dreamhack: „Jeder einzelne Thread im Internet wird immer darauf reduziert, wer am Ende der bessere Caster ist“. An diesem Wochenende gewann Khaldor diesen zweifelhaften Titel. Ausgerechnet die englischsprachige Community TeamLiquid krönte den Deutschen zum Sieger des Events. Zahlreiche Leute aus den unterschiedlichsten Ländern guckten sich den deutschen Stream, statt des englischen an. „Ich versteh zwar kein Deutsch, hab mir aber trotzdem Khaldors Kommentar angehört, einfach weil er so großartig und professionell klingt“, erklärt ein neuer Fan aus Montenegro. „Khaldor hat das Turnier für mich gerettet“, auch Finnland ist begeistert. Dementsprechend erfreut zeigt sich auch Khaldor: „Das Feedback auf Teamliquid war absolut Wahnsinn und hat mich übelst von den Socken gehauen“.
Sichtlich angetan von dem unerwarteten Feedback aus fernen Landen, schaltete Khaldor direkt einen Gang hoch. Englische Erklärungs-Einschübe als Informationsupdate, eine virtuelle Deutschlandflagge auf dem Stream, eine echte im Studio, zwischen den Spielen plauderte er aus dem Nähkästchen. Die Kommentare gaben ihm „natürlich auch einen krassen Motivationsschub“. Co-Caster Donathan hatte noch weniger Text als ohnehin schon, er war endgültig zum Statisten degradiert. Khaldor fabulierte unterdessen über seine Zeit in Australien, seine Tipps für das dortige Nachtleben und sein Laggerimage aus Warcraft 3-Zeiten blühte Khaldor regelrecht auf. Endlich bekam er die Anerkennung, die ihm in der Heimat vorenthalten worden ist. Bei readmore.de beschwerte er sich oft darüber, dass seinen Casts und Events im Gegensatz zu anderen Veranstaltern zu wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht würde, witterte gar eine mittelgroße Verschwörung.
Die Beachtung der TeamLiquid-Community ist so etwas wie der Ritterschlag für einen Kommentator. Schon TaKe wurde dadurch zu neuen Höchstleistungen getrieben. Auch für Khaldor ist das Lob die langersehnte Bestätigung seiner Kosten und Mühen. „TotalBuiscit mich auch direkt auf TL angeschrieben und wollte wissen, ob wir nicht mal zusammen etwas machen wollen“. Bereits vor diesem Wochenende hatte Khaldor sich vorgenommen, mal etwas auf englisch zu kommentieren. „Durch das krasse Feedback auf TL ist die Motivation das zu machen natürlich deutlich größer.“
Die Wutbürger
Scharfe Kritik an seinem Assembly-Stream hingegen kommt überwiegend aus Deutschland. Hierzulande gibt man sich selten mit weniger als dem Besten zufrieden. Der Beste, das ist in diesem Fall, nach Auffassung der Community, Day9. Mit sachlicher Kompetenz und Talent für Situationskomik kann er auch in Deutschland auf viele Sympathisanten zählen. Wenn die Allzweck-Wunderwaffe aber mal nicht zur Verfügung stehen kann, sollten seine Ersatzmänner in den Augen seiner Fans wenigstens seinen Stil kopieren. Individuelle Besonderheiten werden kaum toleriert. „Deutschland ist ein verdammt undankbares Pflaster“, so schätzt auch Khaldor die Situation ein.
Es würde ihm „zuviel in Klischees“ gedacht. Diese wurden inzwischen so oft wiederholt, dass sie für die Community gemeinhin als Wahrheit gelten. Emotionen, statt fachlichen Analysen, patriotische Gefühlsregungen, statt tiefergehenden Strategierezensionen. Was eigentlich gelungene Abwechslung sein könnte, wird einfach als Geschrei und fehlendes Fachwissen abgetan. Sicherlich sind Khaldors Situationsbeschreibungen nicht immer stocknüchtern, doch ihm fehlendes Fachwissen vorzuwerfen, hält er für den „Witz des Jahrhunderts“.
Er bemängelt vor allem die Schwarzweißmalerei in Deutschland: „Entweder alles ist scheisse oder alles ist super“. Konstruktives Feedback erhält er „sehr sehr selten“. Er vergleicht seine Rolle als Kommentator, mit der eines Admins. Wenn dieser einen guten Job macht, erhält er auch kein Lob. Ein einziger Fehler dagegen wird schonungslos bestraft. „Vielen Deutschen würde ein Stückchen Dankbarkeit sehr zugutekommen“. Besonders seine Arbeit abseits des Livestreams würde gern vergessen, man „bekommt den organisatorischen Kram im Hintergrund nicht mit“. Vielleicht ist es für viele nur deshalb möglich, unsachliche Kritik reinen Gewissens vorzubringen.
Denn wenn man aktuellen Diskussionen unter diversen Streams folgt, beschleicht einen manchmal das Gefühl, die deutschsprachige Caster-Landschaft würde nur aus unfähigen Amateuren bestehen. Das Gegenteil ist der Fall: Viele unterschiedliche Charakterköpfe mit hoher Reichweite, die ihren Shows eine persönliche Note geben. Und während wir noch voller Verehrung nach Kalifornien schauen, weiß wenigstens das Ausland unsere Kommentatoren zu würdigen.