Wenn am heutigen Tag 100 Leute nach einem SC2-Turnier mit 500 Euro Preisgeld gefragt würden, die Chancen auf 100 verschiedene Antworten stünden nicht schlecht. Die Summe für die siegreichen Teams und Spieler hat ihre tragende Rolle längst verloren. Eine Kolumne von Ulrich ‚FlyingDJ‘ Schulze.
Es hätte mich aus den Socken hauen sollen, als ich die Ankündigung eines Showmatches zwischen IdrA und JinrO mit einem Preisgeld von 1500 Dollar gelesen habe – zumal das Ganze auch noch als ‚Clash of the Titans‘ betitelt war und die Eröffnung von IncontrolTV darstellen soll. Statt aber unkontrolliert und barfuß durch den Raum zu fliegen, zeigte sich kaum mehr als ein müdes Gähnen. Das Matchup selbst gab es vor ein paar Wochen in der GSL, der geplante Sender ist bei der Masse an aktiven Kommentatoren kein besonders heißes Thema und das Preisgeld, obwohl hoch für ein einzelnes Spiel, lässt mich kalt. Für etwa denselben Betrag fand kürzlich der Homestory-Cup statt, die ESL und die 4PL verbraten ihn monatlich in ihren Turnieren. Es könnte mir kaum egaler sein, was der Sieger am Ende bekommt, solange ich gute Spiele auf einem angenehmen Stream verfolgen kann.
Es hat seinen Grund, dass die wenigsten Sportarten die zu erzielenden Preisgelder sonderlich offensiv anpreisen. Die Teilnehmer sind oft ohnehin Millionäre, ob durch Werbeeinnahmen oder Grundgehälter, und für den Zuschauer ändert sich die Bedeutung nur minimal. Viel wichtiger sind Prestige und Teilnehmerfeld.
Vor Jahren war es noch gängige Praxis, mit immer höheren Summen die Wichtigkeit des Turnieres herauszustellen. Die World Tour der CPL mit einem Preisgeld von einer Million Dollar, die CGS mit Summen in ähnlicher Höhe oder auch die ESL mit hohen sechsstelligen Beträgen für die Extreme Masters – mehr, mehr, mehr war die Devise für Turniere.
Die Wirtschaftskrise und der Niedergang der mit hohen Versprechen gestarteten Ligen sorgten für die Rückkehr in die Realität. Die fünfte Saison der Extreme Masters bietet kaum mehr als die Hälfte des Preisgeldes der dritten, obwohl nun drei statt zwei Spielen zu den Disziplinen gehören. Geschadet hat es ihnen nicht; das Zuschauerinteresse steigt stetig. Auch die World Cyber Games mussten Einschnitte vornehmen. Und hätte man dort gefragt, ob lieber ein deutsches Team in Counter-Strike zum Finale fahren oder das Preisgeld erhöht werden solle – die Antwort wäre eindeutig gewesen.
Die Arbeitgeber der Teams und Spieler sehen ohnehin kaum etwas von den erspielten Preisgeldern und planen daher auch nicht langfristig damit. Die Akteure selbst hingegen kennen mittlerweile die Zahlungsmoral – die Gewinne kommen spät, manchmal gar nicht. Nichts, wofür man sein Leben dramatisch ändern würde. Maximal kann es einen Umzug in ein anderes Land begünstigen wie im Falle der GSL. Im Normalfall wollen die Spieler bei Offline-Turnieren nur die Gewissheit haben, auch mit einem vierten oder sechsten Platz noch einen Bonus mit nach Hause nehmen zu können, wie das WGF-Turnier in Montenegro gerade schmerzhaft erfahren musste. Oder ihnen reicht eine Finanzierung der Anfahrt, weil die Reise selbst für sie schon spannend genug ist. Die Blizzard-Veranstaltungen machen das regelmäßig vor, wenn Europäer zum Verlieren gegen Koreaner lange Flugreisen antreten.
Noch dazu wird durch die Spieler jedes halbwegs dotierte Turnier mitgenommen. Weil kein Verletzungsrisiko besteht und die Anstrengung nicht exorbitant höher als beim Trainieren ist, kann selbst ein nicht erfolgreicher Go4SC2-Cup noch als effektive Vorbereitung auf die nächste Veranstaltung verkauft werden. Dadurch wird es aber auch schwerer für die Ligen, Exklusivität zu erzeugen: Wenn Ret gegen Morrow auf der Assembly-LAN im Finale spielt, ist dasselbe Spiel auf den World Finals der IEM auf dem Papier kaum mehr als eine Wiederholung um mehr Geld. Höchstens auf unterster Ebene kann das Vor- oder Abhandensein von Preiseld über den Erfolg eines neuen Projektes entscheiden.
Die Devise heißt also, auf anderem Wege die Zuschauer und Spieler zu motivieren. Ob durch besondere Präsentation, Prestige oder kreative Turniersysteme – Möglichkeiten gibt es zur Genüge. Nur das Preisgeld, das spielt dabei keine Rolle.
Die Kolumne von Ulrich Schulze erscheint wöchentlich am Montag auf readmore.de.