Die CeBIT ist nicht nur für ihre IT-Themen bekannt, sondern auch für ihre Standparties. Nach Messeschluss legen sich Aussteller kräftig ins Zeug, um in alkoholschwangerer Luft die Werbetrommel zu rühren. Auch die IEM-Teilnehmer werden dort nicht immer ganz vorteilhaft anzutreffen sein. Lesen wird man darüber allerdings mal wieder nichts. Warum eigentlich?
Die fnatic-Akteure betrinken sich auf der Afterparty zum eSports Award hemmungslos und spielen gegen mousesports entsprechend grauenhaft. Ein paar Fotos am Vorabend geschossen, diese in einen Artikel verwurstet, fertig ist ein Schriftstück über die zweifelhafte Ernsthaftigkeit, mit der die Schweden in ein hochdotiertes CS-Finale gehen. Wer danach sucht, wird nicht fündig.
Es sind diese kleinen Geschichten, die mitunter gar nichts mit dem Spiel selbst zu tun haben und die dem eSport fehlen. Ob Ribery sich Sex von minderjährigen Mädchen erkauft oder Max Mosley in Nazikostümen zwielichtige Parties feiert – der Sport hat diese Geschichten zur Genüge. Sie finden ihren Weg nicht nur in die Klatschblätter, sondern auch in die ganz gewöhnliche Sportpresse. Das Höchste der Gefühle bei den Computerakteuren sind Berichte über Strafpunkte, die für unpassende Statements vergeben wurden.
Einen wesentlichen Beitrag dazu leistet die Tatsache, dass nur wenige der eSportler einen echten Starstatus besitzen. Sie verdienen weder Unsummen, noch sind sie in ihrem Auftreten großartig beneidenswert. Es ist nicht so, als würden Tausende nur auf einen Fehltritt eines scheinbar Unfehlbaren warten oder die Privatangelegenheiten ihres Idols auf Tritt und Schritt verfolgen. Tatsächlich mag ein großer Teil der Community eher so etwas wie Mitleid für die Spieler haben. Deren Fähigkeiten dienen zwar als angenehme Unterhaltung, aber abseits des Servers sind sie introvertierte, am echten Leben vorbeivegetierende Hänflinge – so das Urteil derjenigen, die sich für die besseren Lebensbewältiger halten, weil sie weniger Zeit vor dem Rechner verbringen. Oder weniger zugeben. In jedem Fall bieten ihnen die Profis wenig, was sie als beneidenswert empfinden würden.
Trotzdem ist es erschreckend, wie unverfänglich jeder Blick hinter die Kulissen der eSportler ausfällt. Dass die Realität anders ist, dürfte mehr als ein Redakteur auf diesem Planeten wissen. Allerdings wollte wohl keiner von ihnen darüber schreiben, dass auch schwedische CS-Spieler mitunter käufliche Liebe in Anspruch nehmen. Oder dass britische SC2-Spieler nicht sonderlich zimperlich mit der Tatsache umgehen, dass Frauen bereits vergeben sind. Das Risiko ist ihnen zu hoch – was, wenn der Spieler nachher nicht mehr nur ihnen, sondern der ganzen Seite die Kooperation verweigert? Für ein paar zusätzliche Klicks begibt man sich da nicht aufs Glatteis. Zumal das Verlangen nach entsprechenden Geschichten nicht besonders hoch ist, auch wegen eines Mangels an entsprechendem Angebot.
Dabei würden gerade diese Geschichten die Akteure auch ein wenig menschlicher machen. Dass sie Beziehungsprobleme haben, mit dem Erfolg mitunter nicht recht umgehen können oder bei Niederlagen die Fassung verlieren, ist keine Charakterschwäche, sondern einfach Teil ihres Lebens. Den positiven Aspekt darin müssen auch die Spieler selbst erkennen. Bisher lassen sie allerdings nur dort den Einblick zu, wo sie in einem guten Licht stehen. Auch deshalb, weil sie mit dem eSport nicht ausgesorgt haben, sich also nach Ende ihrer Karriere dem normalen Arbeitsumfeld stellen müssen. Wer will da schon gern private Details über sich auf großen Seiten stehen haben.
Niemand erwartet, dass Patrik Sättermon auf einmal Tiger Woods imitiert und sich von seinen Geliebten mit dem Golfschläger die Rückscheibe zertrümmern lässt. Aber mal ein Bericht über die Players Party der GamesCom samt Exzessen der Fragster-Geschäftsführung oder ein bisschen mehr Einblick in das, was die Spieler privat an- und umtreibt. Es wäre ein Anfang. Vielleicht wächst dann auch das Interesse an den Skandalen und damit der Mut über solche zu berichten.
Die Montagsminuten von Ulrich ‚FlyingDJ‘ Schulze erscheinen wöchentlich auf readmore.de.