Vor zwei Tagen hat ein historisches eSport-Finale seinen Abschluss gefunden. Mit gebrochenen Rekorden an allen Ecken und Enden fehlt jetzt nur noch eines: Akzeptanz.
Es wäre eine bekannte Szene aus vergangenen Tagen – eine große Messe hat stattgefunden, die ARD ein paar Bilder mit Maus und Tastatur ins Nachtmagazin geschoben und schon orakelt irgendjemand davon, dass eSport bald der ganz große Durchbruch bevorstünde. Bald, so heißt es, würde Counter-Strike nicht nur im öffentlich-rechtlichen Fernsehen laufen, sondern jeder, sogar die beratungsresistentesten Politiker, würden den eSport als wichtigen Teil der Jugendkultur akzeptieren.
Wie jedes Mal wäre diese Szene nicht nur völlig realitätsfremd, sondern auch ebenso irrelevant. Der elektronische Sport hat es kaum nötig, dass diejenigen außerhalb seines Dunstkreises eine Kehrtwende von Ablehnung zu Begeisterung hinlegen. Er ist groß genug, um auch für sich selbst zu existieren. Allerdings, und das ist die Kehrseite der Medaille dieses Wochenendes, braucht er die innere Akzeptanz mehr denn je.
Als am Wochenende die Tränen der polnischen CS-Akteure flossen und ein junger Koreaner verschmitzt mit dem Pokal spielte, wurde Geschichte geschrieben im eSport. Wer würde nicht davon erzählen, wie er live dabei war, als Andi Brehme im Sommer 1990 aus elf Metern der Starelf um Maradona den zweiten Platz einschenkte? Bei der diesjährigen CeBIT dabei gewesen zu sein, ist ebenso geschichtswürdig wie der Sieg von Grubby bei den World Cyber Games 2008. Oder Kapios legendärer Messerstoß zum Sieg auf der Global Challenge in Dubai.
Akzeptanz heißt, von solchen Momenten mit Stolz zu erzählen, erhobenen Hauptes zu dieser Gruppe von Menschen zu gehören, die die Leidenschaft für den eSport vereint, zu dieser riesigen Gruppe. Sich dabei keine Gedanken zu machen, welche Stereotypen man damit verbinden möge und ob man denn tatsächlich ein Fan sei oder nur aus Tradition zuschaue. Es war nie leichter, ein stolzer Verfechter dieser Disziplin zu sein. Die ESL hat großartige Bilder erschaffen am Wochenende, fernab von Fatal1ty Tech Talks, sie hat trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten auf drei Titel in den Extreme Masters gesetzt, die kaum echtere Vertreter des Genres eSport sein könnten. Sie hat die Spieler auf Podeste gehoben und den Zuschauern im wahrsten Sinne des Wortes eine Bühne gegeben.
Akzeptanz heißt aber auch, das Gute mit dem Schlechten zu nehmen, weil man weiß, dass Perfektion eine zuhöchst unnatürliche Sache ist. Unebenheiten im Zeitplan, technische Aussetzer, selbst der vielleicht nicht ganz perfekte Artikel des Hobbyredakteurs auf der Lieblingsseite, nicht jeder Makel zerstört das Gesamtbild, oft gehört er in einem von so viel Freigeist gezeichneten Umfeld auch einfach dazu. Damit zu leben und die ohnehin viel größeren Momente der Spannung und Atemlosigkeit zu genießen heißt auch, den eSport als solchen zu akzeptieren.
Der eSport und seine Aspekte wurde in der Vergangenheit oft von fremder Hand definiert und in diffuses Licht gerückt. Das hat dazu geführt, dass die riesige Masse seiner Anhänger im Verborgenen blieb und selten an die Öffentlichkeit trat. Heute mehr denn je hat er sich davon gelöst und steht auf eigenen Füßen. Um diese nicht tönern werden zu lassen, braucht er die Unterstützung derer, die ein Teil von ihm sind. Er braucht Leidenschaft, aber er braucht auch die Bereitschaft diese Leidenschaft für sich selbst zu akzeptieren und weiterzutragen. An die Eltern, die Freundin, den Vereinskollegen. Von den Wochenenden zu erzählen und den Leistungen, die dort vollbracht worden. Von der Hoffnung, im nächsten Jahr noch viel mehr zu erleben. Und vielleicht, wer weiß, eines Tages den eigenen Kindern von den großen Momenten des eSports zu erzählen.
Die Kolumne ‚Montagsminuten‘ von Ulrich ‚FlyingDJ‘ Schulze erscheint wöchentlich auf readmore.de.