Allen Grund zur Freude hätte Michal ‚Carmac‘ Blicharz gehabt, als Samstag Nachmittag die fünften IEM-Finals zu Ende gingen. Die größten IEM aller Zeiten, nie da gewesene Besucherzahlen, online wie offline. Erst musste der 30-Jährige jedoch seinen Landsmännern von Frag eXecutors Trost spenden, die das letzte Spiel des Events verloren. Erst danach hatte der Produktmanager der Intel Extreme Masters Zeit für ein Interview mit readmore.de.
readmore.de: Du hast gerade das CS-Finale verfolgt, Frag eXecutors gegen Na’Vi und hast mit den Polen viel Zeit während des Turniers verbracht. Wie ist dein Verhältnis zu dem Team und wie konntest du helfen, diese Niederlage zu verarbeiten?
Michal ‚Carmac‘ Blicharz: Nach dem Match bin ich zu ihnen gegangen, wie ich das bei jedem Team mache, das ich kenne, um ihnen zu gratulieren, auf die Schulter zu klopfen, solche Dinge. Klar, die Jungs kenne ich besser als die meisten anderen Teams. Ich bin der IEM-Verantwortliche, aber ich mache trotzdem keinen Hehl daraus, dass ich sie unterstütze und juble, wenn sie Frags machen. Jeder weiß, was ich vor meinem Job bei der ESL gemacht habe und wieso sollte ich nicht ich selbst sein, wenn es eh jedem bekannt ist. Ich habe ihnen gesagt, dass sie in meinen Augen stolz auf sich sein sollten. Hier eine Silbermedaille zu holen, nachdem man SK und fnatic in den Playoffs geschlagen hat, ist eine absolut beeindruckende Leistung. Leider haben sie das Finale nicht gewonnen. Aber jetzt gehen sie nach Hause und morgen werden sie stolz auf sich sein.readmore.de: Abgesehen vom CS-Finale, wo du als Fan sicherlich die Frag eXecutors lieber ganz oben gesehen hättest – wie zufrieden bist du als Verantwortlicher mit diesem Turnier? Gibt es vielleicht schon irgendwelche Zahlen im Vergleich zu den letzten Jahren?
Carmac: Wir haben in so ziemlich jeder Hinsicht die besten Ergebnisse aller Zeiten eingefahren. Eines muss ich dazu sagen: Als ich diese Stelle angetreten habe, habe ich ein Interview gegeben. Ich habe keine Ahnung mehr, mit wem, aber ich habe gesagt: Wenn ich Spieler weinen sehe, weil sie ein Spiel der Intel Extreme Masters gewonnen oder verloren haben, dann sind wir auf den richtigen Weg, dann leisten wir gute Arbeit. Heute kann ich sagen, ich habe Spieler weinen gesehen. Und ich kann sagen, wir machen einen guten Job.
Es geht nicht nur um Zahlen. Zahlen sind das Eine. Aber zu sehen, wie die Spieler darauf reagieren, zu gewinnen, was sie danach tun, wie man in ihren Augen sehen kann, dass es ihnen wichtig ist und sie alles dafür geben würden, ihren Namen auf der Trophäe zu sehen – das ist für mich viel mehr Wert, als irgendwelche Statistiken.
readmore.de: Also müsstest du ja eigentlich enttäuscht gewesen sein, als du gesehen hast, dass drei Koreaner im Starcraft 2-Finale sind. Und nicht die allgemein emotionaleren Europäer oder Amerikaner.
Carmac: Naja, wer Ace jubeln gesehen hat – kein Amerikaner oder Europäer würde so jubeln. Ich meine, er kommt hier an, hat noch nie ein größeres Turnier oder überhaupt irgendwas gewonnen und verhält sich gleich wie ein würdiger Champion. Und das ist, was ich sehen will: Der gewinnt das Spiel, reißt die Arme in die Luft, läuft zur Trophäe und zeigt in die Kamera, „Schaut her, dass Baby gehört mir!“. Ich glaube, das war ein wirklich krasser Moment.
readmore.de: Du bist ‚Produktmanager‘ der Intel Extreme Masters, das klingt ein bisschen schwammig. Was machst du denn eigentlich genau bei Turtle, woran arbeitest du konkret?
Carmac: Puuuh, okay. Bei Turtle haben wir verschiedene Teams mit verschiedenen Aufgaben. Da gibt es zum Beispiel ESL TV, League Operations, die Sales-Abteilung, Grafiker, und so weiter. Im Grunde stehe ich mit dem jeweiligen Chef jeder Abteilung im Kontakt und koordiniere mit diesen Chefs die Arbeit. Manchmal kann ich das von zu Hause aus erledigen, weil alles so glatt läuft. Aber manchmal gehe ich auch in die Abteilungen rein und helfe mit meinen beiden Händen mit.
Eigentlich bin ich also für gar nichts so wirklich verantwortlich. Man kann es natürlich auch von der anderen Seite sehen und sagen: Ich bin für alles verantwortlich, was irgendwie mit den Intel Extreme Masters zu tun hat. Ich bevorzuge die ambitionierte Seite und sage: Ich bin verantwortlich für alles. Wenn was nicht stimmt, ist es meine Schuld.readmore.de: Welchen Anteil hast du dann daran, dass alle Rekorde gebrochen wurden?
Carmac: Ich denke, die ESL ist allgemein eine wundervolle Firma mit einem ganzen Haufen sehr talentierter Menschen. Du kannst jetzt sagen, ja das ist eh nur das übliche „Hach, wir haben uns alle so lieb“-Blablabla, aber das ist mein Ernst. Die Show auf ESL TV ist absolut beeindruckend. Ich denke, diese Leute verdienen das Lob. Ein Beispiel: Wir hatten ja diese Three-Way-Qualifiers in Starcraft II – und jeder hat zwei bis drei Stunden länger gearbeitet, als vereinbart. Ohne ein einziges Widerwort. Wir haben die vereinbarte Arbeitszeit um zwei bis drei Stunden überzogen und niemand hat sich beschwert. Im Gegenteil: Die sind alle mit ’nem Grinsen im Gesicht rumgelaufen und haben „Das ist der absolute Hammer“ gesagt. Diese Leute sollten die Komplimente kriegen.
Ich mag es nicht wirklich, über meine Arbeit zu sprechen. Wenn ich irgendwann gehe, läuft das Turnier immer noch ohne irgendwelche Probleme weiter. Heute konnte ich den ganzen Tag im Publikum sitzen und das Finale schauen, irgendwann auf die Bühne gehen, die Medaillen überreichen und das war’s. Alle diese Leute hier haben einen unfassbaren Aufwand betrieben, um das Event absolut großartig zu machen.
readmore.de: Du bist jetzt seit 2009 bei Turtle. Es gab auch vorher schon erfolgreiche IEM-Turniere. Was hat sich eigentlich geändert, seit du da bist? Was ist neu?
Carmac: Hm, naja, das ist ein bisschen so wie „Felix Magath geht und Louis van Gaal wird neuer Trainer“. Manche Dinge ändern sich einfach. Das heißt jetzt nicht, dass es einfach nur eine Frage der Philosophie ist, obwohl ich durchaus eine etwas andere Philosophie als meine Vorgänger habe. Aber das erste, grundlegende Ding, das ich mir vorgenommen habe, war: Ich will nichts komplett kaputtmachen. Ich war in diesem Job vollkommen neu, ich habe noch nie etwas auch nur Ähnliches gemacht. Also war meine Hauptaufgabe, die ich getan habe und die ich immer noch tue, nichts kaputtzumachen. Wie schon gesagt: Wenn ich verschwinde, läuft das Ding hier immer noch.Was mir aber wichtig ist, sind die Fans: Dass wir ihnen so viel wie möglich bieten. Bei der diesjährigen World Championship haben wir gemeinsam mit unseren Partnern Streams in acht Sprachen angeboten. Wir kümmern uns um die Fans, das ist meine Philosophie. Wir wollen sicher gehen, dass hundert Prozent von dem Content, den wir produzieren – also die Turniere – den Fans angeboten wird. Wenn man will, kann man jedes einzelne Spiel sehen. Jedes.
readmore.de: Denkt ihr darüber nach, das Angebot der IEM um weitere Spiele zu erweitern? CS:Source zum Beispiel?
Carmac: Wir denken die ganze Zeit über neue Spiele nach. Ich nehme mal an, du hast CS: Source nicht zufällig erwähnt. Aber ich bin nicht wirklich bereit, jetzt schon über die neue Saison zu sprechen, das ist einfach nicht der richtige Augenblick. Ja, wir schauen die ganze Zeit nach neuen Spielen, aber über Details will ich hier und heute nicht sprechen.
readmore.de: Okay, dann bleiben wir in der Gegenwart. Vor kurzem hat Spiegel Online einen recht interessanten Artikel veröffentlicht, demzufolge die ESL sich sinkender Aufmerksamkeit erfreut. Die Website-Besuche in Deutschland gingen über das Jahr 2010 von 4,5 Millionen auf 3,5 Millionen zurück, was für ein Jahr doch ziemlich gigantisch ist. Wie beurteilst du diesen Prozess? Ist er gefährlich für die ESL?
Carmac: Ganz ehrlich: Davon habe ich keine Ahnung. Über solche Themen solltet ihr vermutlich mit David Hiltscher sprechen, ich kann keinen Kommentar dazu abgeben, habe diesen Artikel nicht einmal gelesen. Und, auch wenn das jetzt dumm klingt, ganz ehrlich: Abgesehen von den IEM kriege ich nicht so viele andere Sachen mit, ich weiß nicht allzu viele Details. Und all diese Details interessieren mich auch nicht, wenn sie nichts mit den IEM zu tun haben. Solche Dinge kriege ich nicht mit, alles was ich weiß, ist dass es vorwärts geht
Ich stecke meine Nase nicht wirklich in Dinge, die außerhalb meines Büros passieren und ich kümmere mich nicht um die Sachen von anderen Menschen. Ich versuche nur, das, was ich tun soll, so gut wie möglich zu tun – und das sind die Intel Extreme Masters. Ganz ehrlich: Das ist so viel Arbeit, dass ich daneben wirklich nichts anderes tun werde. Wenn ich meine Zeit jetzt auch noch damit verbringe, mich um andere Dinge zu kümmern, die Website, die ESL Pro Series, irgendwas, dann würde ich die Intel Extreme Masters mit nicht mehr so viel Aufwand betreiben können.
readmore.de: Du arbeitest jetzt hauptsächlich hinter den Kulissen, ganz anders als früher bei GGL oder SK Gaming, wo ein großer Teil deiner Arbeit vor der Kamera stattfand – und du Kommentare wie „Hey, Carmac hat wieder ein super Interview gemacht“ lesen konntest. Vermisst du diesen Aspekt?Carmac: Klar. Ich meine, hey, das macht Spaß. Es macht Spaß, bei den Spielern zu sein, die Geschichten zu beschreiben, draußen bei den Fans zu sein, das Geschehen zu verfolgen, diese schwierigen Fragen zu stellen. In Polen haben wir dafür ein Sprichwort: Mit dem Stock im Ameisennest bohren. Das macht mir Spaß, sogar sehr viel Spaß. Aber es macht auch sehr viel Spaß, etwas zu erschaffen, das Millionen Menschen verfolgen und wirklich genießen. Ich hoffe wirklich, dass all die Fans der IEM-Disziplinen eine wirklich atemberaubende Woche mit den Spielen hatten. Es ist auch für mich völlig anders. Man arbeitet so lange Zeit im Hintergrund und dann siehst du auf einmal diese Riesenmenge an Menschen, eine Halle, die geschlossen werden muss, weil keine Leute mehr reinpassen und eine Riesenschlange an Leuten vor jedem Eingang, die nur darauf warten, endlich reinzukönnen. Das ist doch einfach nur … „Wow“. Es ist ein langer Weg, es ist sehr viel Arbeit im Hintergrund. Aber wenn du dann so ein Riesenevent hochziehst…das ist der Wahnsinn, Mann.
readmore.de: Besser als je zuvor?
Carmac: Anders, nicht besser. Es ist ungefähr so. Journalistische Arbeit, Interviews, Videos, das ist ein bisschen Spaß jeden Tag. Und hier ist es ein riesengroßer Haufen an Freude einmal alle drei Monate.
readmore.de: Also ist es schon so ein bisschen Kompensation für dein „Ego-Ding“, dass du an der ‚Rotterdam University‘ teilnimmst? Oder eher Teil eines Prozesses, die ESL zu personalisieren?
Carmac: Naja, nicht wirklich ein Prozess, die ESL zu personalisieren. Eigentlich habe ich mir nur gedacht, ich würde gern mal wieder etwas Spaßiges machen. Das fehlt mir. Spaß heißt für mich, herumzublödeln und doof zu sein. Ich bin jetzt dreißig und immer noch doof. Also ist die ‚Rotterdam University‘ wohl am ehesten eine Mischung aus: Carmac möchte ein bisschen besser in Starcraft II werden und: Carmac hat Lust, ein bisschen Blödsinn zu machen. Ich bin mir ziemlich sicher, den Leuten macht es schon ein bisschen Spaß, sich über mich und meine furchtbaren Starcraft-Leistungen lustig zu machen. Und, ja, um diesen Kick geht es mir.
readmore.de: Aber du machst das in deiner Arbeitszeit, nicht in deiner Freizeit.
Carmac: Nein, das ist meine Freizeitbeschäftigung. Die Show fängt um sieben an, ich gehe um sechs aus dem Büro. Naja, theoretisch. Das ist eigentlich nie wirklich der Fall, wenn ich noch arbeiten muss, bleibe ich halt noch im Büro. Aber meine offizielle Arbeitszeit endet um sechs. Die ‚Rotterdam University‘ ist in meiner Freizeit.readmore.de: Was ist für dich das schwierigste daran, StarCraft II zu lernen?
Carmac: Ich denke, sich zu konzentrieren. Man muss lernen, sich auf so viele Sachen gleichzeitig zu konzentrieren. Ich weiß nicht warum, aber es ist ein komplett anderer Teil meines Gehirns, der da angesprochen wird, als in UT. In UT habe ich es geschafft, mich so zu konzentrieren, dass ich wirklich gut spielen konnte und dabei viele verschiedene Sachen auf einmal im Auge hatte. Aber in Starcraft? Das ist etwas komplett anderes. Theoretisch sollte das doch alles das Gleiche sein, Quake, UT, Starcraft, aber ich weiß nicht … man muss produzieren, während man immer noch all das andere Zeug im Auge haben muss, was da gerade passiert. Das ist ein harter Lernprozess.
readmore.de: Was ist schwerer? Starcraft II zu lernen oder Deutsch zu lernen?
Carmac: (auf Deutsch)Mein Deutsch ist nicht so schlecht. Ich verstehe viel Deutsch, aber ich kann noch nicht viel sagen, mein Wortschatz ist viel zu begrenzt. Aber ich verstehe viel Deutsch und ich denke, mein Deutsch ist verbessert geworden…nein. Besser geworden. Aaah, I need to learn.
readmore.de: Du bist jetzt dreißig und schon seit sehr langer Zeit im eSport. Bist du jemals dieses Themas müde geworden? Dir gedacht: „Gut, das Kapitel ist jetzt geschlossen, Zeit für etwas anderes?“
Carmac: Ich könnte etwas anderes tun, aber nicht weil mich eSport langweilt. Ich meine wenn ich mir denken würde: „Hey, das ist richtiger Schwachsinn“ oder zum Beispiel jemand morgen reinkommen würde und mir anbieten würde, die Champions League zu managen, dann würde ich darüber nachdenken. Weil die UEFA Champions League zu managen ist jetzt kein Job, den man einfach mal so ablehnt, richtig? Aber ernsthaft: Denke ich darüber nach, den eSport zu verlassen? Nein. Es gibt immer neue Geschichten, immer ist es faszinierend. Leute weinen zu sehen, Leute fallen zu sehen, andere Leute aufsteigen zu sehen und die Plätze der alten Champions einnehmen zu sehen, Leute Geschichte schreiben zu sehen. Wir sind Teil dieser Geschichte, das ist doch faszinierend.Ich habe diese Typen (zeigt auf einen Banner der IEM 2007 mit Sieger Frag eXecutors, damals PGS, darauf) gewinne sehen. Und vier Jahre später stehe ich hinter ihnen und tröste sie, weil sie gegen Na’Vi verloren haben, die ihrerseits Geschichte geschrieben haben.Es hat noch niemand die IEM zweimal gewonnen und schon gar nicht zweimal hintereinander. Das sind Geschichten. Ich bin mir nicht sicher, ob die Leute realisieren, dass wir uns wirklich privilegiert fühlen sollten, ein Teil dieser Geschichte zu sein. Für mich ist es absolut beeindruckend und ich würde es gegen nichts auf der Welt eintauschen wollen, nein.
readmore.de bedankt sich für das Interview. Es wurde geführt von Christian ’stry‘ Bauer und Finn ‚pille^‘ Friedrichs.





