Vor fünf Jahren ging mit GIGA 2 eine Idee an den Start, die zum damaligen Zeitpunkt wie der nächste logische Schritt im eSport schien. Ein eigener Sender war angetreten, die Sehgewohnheiten der User für immer zu verändern. Im Jahr 2011 hat sich gezeigt, dass der elektronische Sport ganz anders tickt als die klassischen Medien.
Es war der 06.06.2006, als rechts des Kölner Rheins der kleine Bruder von GIGA das Licht der Welt erblickte. Im Windschatten seines ewig defizitären Mitstreiters und unter der Führung von Neueigentümer Turtle Entertainment sollten eSport-Fans ab sofort stundenlang ihres liebsten Entertainments erleben können. Wohlgemerkt nur für zahlende Zuschauer entstand hier ein Angebot, das es in der Form vorher nicht gegeben hatte. Youtube noch ein zartes Pflänzchen, Livestreaming ein teures und kaum rentables Unterfangen und Videomaterial abseits der GameStar-DVDs selten zu bekommen, bot sich Enthusiasten hier eine nie dagewesene Plattform.
Es schien ein logischer nächster Schritt zu sein. Mit den CPL World Finals auf MTV im Jahr zuvor, den Finalspielen der WSVG auf CBS am Ende des Jahres und dem Größenwahn in Perfektion in Form der CGS schien es nur höher, schneller und weiter zu gehen. Vor allem aber schien das Ziel klar – die Spieler zu Stars und die Sendungen zu Events im regulären TV zu machen, wie im gewöhnlichen Sport eben. Nicht zuletzt der Verfasser dieser Zeilen glaubte daran, sah er doch bei seinem Vorstellungsgespräch eSport in Stadien laufen – und zwar bereits im Jahr 2011.
Weder schauen allerdings zum jetzigen Zeitpunkt Zehntausende in Stadien zu, noch gibt es die Vision GIGA 2 noch – und beim Nachfolger im Geiste ESL TV hat sich auch einiges geändert. Eine Aufnahmeleitung, ein Producer und zwei Moderatoren gehen in diesem Sommer von Bord und werden nur zum Teil ersetzt. Die Vorstellung, eine gewöhnliche TV-Produktion mit eSport-Inhalten regelmäßig und vor allem stundenlang auch noch kostendeckend fahren zu können, ist damit gestorben. In Sachen Gaming verabschiedete sie sich mit GIGA schon viel früher.
Das ist aber kein Grund zur Traurigkeit und auch keine alleinige Kapitulation vor zu hohen Kosten. Viel mehr ist es die längst überfällige Anpassung daran, was der eSport an einzigartigen Merkmalen mit sich bringt, die ihn abseits der gewohnten Medienschubladen platzieren. Das gewöhnliche TV-Studio mit seinem hohen Produktionsaufwand wird der Lebenswirklichkeit des teilweise stundenlangen eSport-Geschehens nicht gerecht. Ihn dort hin zu verfrachten war so aussichtslos wie die Versuche von progam3r und eGames, ein sterbendes Medium noch einmal zu etablieren.
Jede Sendung in einem großen Studio ist ein ungeheurer Aufwand. Es muss produziert, die Kamera gehalten und der Ton geregelt werden, von der ganzen Pflege des Studios ganz abgesehen. Und dann, das ist die Krux an der Sache, ist all die schöne Eleganz verschwunden, sobald das eigentliche Spiel beginnt. Das ist so, als würde im Fußball die Anmoderation im Stadion geschehen, nur damit die Spieler danach auf dem Bolzplatz nebenan auflaufen. Dabei ist das Spiel selbst doch das eigentlich wichtige Element, auf das der größte Aufwand abzielen sollte.
Die Spieler sind auch bei Weitem nicht solche Stars wie ihre Pendants in den Ballsportarten. Sie verdienen weniger, sind greifbarer und haben deutlich weniger Allüren zu bieten. Ganz zu schweigen davon, dass ein weitestgehend männliches Publikum auch kaum die Vergötterungstendenzen einer gemischten Zuschauerschaft aufweist. Wer so normal wirkt, braucht kein glitzerndes Studio zur Präsentation.
Dass eSport-Fernsehen abseits von Events nun hauptsächlich in Wohnzimmern, Kammern und umgebauten Büroräumen geschieht, ist eine völlig normale Entwicklung. Viel wichtiger ist ohnehin das Spiel selbst. Und der Erfolg der Homestory Cups zeigt, dass auch diese einen gehörigen Charme aufweisen, ohne Glamour zu bieten. Events werden weiterhin mit entsprechendem Aufwand produziert, der ihrem Status gerecht wird. Aber sie haben aufgehört, sich permanent darauf zu trimmen, in die Konventionen des gewöhnlichen Fernsehens zu passen. Allein die gewonnene Flexibilität durch anderes Equipment ermöglicht es, sich weitaus schneller auf Zuschauerwünsche einzustellen.
Viel zu oft wurde in der Vergangenheit versucht, sich bei traditionellen Vertretern anzubiedern und deren Konzepte zu kopieren. Am besten funktioniert aber nach wie vor das, was einzigartig ist. Wenn dafür ein Sean Plott mit seinem Headset im Studentenzimmer sitzt und bei Dennis Gehlen die Stars Pizza auf dem Sofa essen, ist das das perfekte Alleinstellungsmerkmal. Nur die Stripperin im Wohnzimmer, die darf beim nächsten Mal ruhig fehlen.