Stand heute geht es mit der deutschen Counter-Strike-EPS nicht mehr lange gut, erfolgversprechende Ideen sind auch Mangelware. Langsam wird es Zeit, europäisch zu denken. Eine Gastkolumne über die mögliche Zukunft des einstigen deutschen Vorzeigeprojekts.
Eines gleich vorweg: Kurz vor dem Untergang steht die ESL und die deutsche ESL Pro Series nicht. So weit ist es noch nicht und so weit wird es auch in absehbarer Zeit – sagen wir in ein bis zwei Seasons – nicht sein. Die Tatsache, dass vor allem die Pro Series für Counter-Strike 1.6 ihren Reiz verloren hat, ist hingegen nicht zu leugnen. Kein Wunder, dass sich Redakteure allerorten darüber Gedanken machen, wie die Liga oder das Spiel zu retten sind. Dabei sind schon einige fruchtbare Ideen zutage gefördert worden. Den etwas wahnwitzigen 4on4-Ansatz – liebe Grüße an den nicht ganz ernst zu nehmenden Herrn Magnus – einmal ausgenommen.
Vor allem im Bezug auf die deutsche Pro Series in Counter-Strike 1.6 sind die Hauptprobleme jedoch weder monetärer noch struktureller Natur. Im wichtigsten EPS-Land hat einfach eine flächendeckende, spielerische Niveaulosigkeit Einzug gehalten. Eine Counter-Strike-Liga mit größtenteils schwachen Teams, die seit Jahren von einem Clan nach Belieben dominiert werden, ist einfach langweilig. Da ist das Liga-System herzlich egal. Im Fußball können schließlich auch beide in der EPS erprobten Systeme funktionieren. Egal ob europäische Champions League oder englische Premier League – Qualität zieht Zuschauer an. Die unterschiedlichen Eigenschaften der verschiedenen Liga- und Turnier-Systeme bringen erst dann zusätzlichen Reiz, wenn die spielerischen Rahmenbedingungen gegeben sind. Durch einen einfachen System-Wechsel ist die EPS also nicht zu, naja, „retten“. Diese Erfahrung hat die ESL in dieser Saison machen müssen.
Die Qualität fehlt
Die Crux ist also, dass irgendwie wieder mehr Qualität in die ESL Pro Series kommen muss. Das ist natürlich kein leichtes Unterfangen. Die Leute, die bisher auf keine Lösung für dieses Problem gestoßen sind, sind ja auch nicht allesamt auf den Kopf gefallen. In Deutschland ist Counter-Strike einfach auf dem absteigenden Ast. Das ist keine Neuigkeit, aber auch kein Weltuntergang. Solange es weiterhin Spieler gibt, die mit Leidenschaft an Counter-Strike 1.6 rangehen, hat das Spiel seine Daseinsberechtigung. Für den professionellen Bereich des deutschen Counter-Strike ist diese Entwicklung jedoch Gift. Mittlerweile sieht es fast so aus, als könne das wichtigste eSport-Land Europas auf längere Sicht kein international konkurrenzfähiges Team mehr stellen. Eine traurige Entwicklung. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass mousesports – sollte die Organisation längerfristig weiter auf 1.6 setzen wollen – sich gänzlich außerhalb der deutschen Grenzen nach einem Team umschaut. Schließlich will man auch in Berlin wieder erfolgreich sein.
Dem Trend kann nur schwerlich entgegengewirkt werden. Schwindende Spielerzahlen haben ohne Zweifel vor allem mit dem Alter des Spiels und dem Altern der Community zu tun. So eine Entwicklung kann nicht einfach umgekehrt werden. Was jedoch versucht werden kann, ist, den noch aktiven Spielern einen größeren Anreiz zu geben, sich wieder öfter auf einem CS-Server einzufinden. Einen ersten, sehr interessanten Schritt in diese Richtung hat die ESL selber schon getätigt: Das Versus-System könnte, wenn die Beta-Phase gut genutzt wird und die Kinderkrankheiten abgestellt werden, ein echter Faktor sein. Schließlich geht es in erster Linie vor allem darum, dass einfach wieder mehr gespielt wird. Dadurch steigt das spielerische Gesamtniveau von ganz allein. Und das tut wiederum – um ein paar Ecken – auch der EPS gut.
Das funktioniert jedoch nur in Kombination mit der Etablierung einer echten Nachwuchsförderung. Diese ist in Deutschland aus strukturellen Gründen bisher überhaupt nicht existent. Junge, hungrige Spieler werden im Normalfall nur dann verpflichtet, wenn für gestandene EPS-Spieler kein Geld da ist. Das ist aus clanpolitischer Sicht nachvollziehbar, schließlich weiß man bei den alten Hasen, was man kriegt. Aber für den Nachwuchs ist das eine Katastrophe. Die meisten Talente mit echter Perspektive geben zumeist schon auf, bevor sie überhaupt die Chance bekommen haben, sich in der EPS zu präsentieren. So ist klar, dass aus den Unterbauten der Pro Series kaum Nachwuchs nachkommt. Die Clans können in diesem Fall nicht zum Umdenken gezwungen werden, für sie zählen Erfolge – und zwar kurzfristige.
Was passiert unterhalb der EPS?
Langfristiges Denken können sich in Deutschland nur mousesports und Team Alternate mit Abstrichen leisten, für jeden anderen Clan des Landes herrscht ein täglicher Kampf um gute Ergebnisse. Nur durch diese kann bei den ohnehin rar gesäten Sponsoren Interesse geweckt werden. Auch hier muss also versucht werden, an der Struktur etwas zu verändern. Wichtig wäre hier, den Unterbau der EPS vor allem finanziell zu stärken. Ein kleines Preisgeld für die 1st Division, Sachpreise für die Divisionen darunter. Gespielt wird meistens aus Leidenschaft, aber diese Motivation ist relativ flüchtig und kann schnell umschwenken. Und dann kommt die Inaktivität. Materielle Anreize sollten in dieser Hinsicht nicht verachtet werden. Und wenn es nur zwanzig Euro sind, die ein Team pro Sieg einheimst: Ein paar Erfolge reichen dann schon für ein bißchen Feiern am Wochenende. Hier sollte der Grundsatz „Besser als nichts“ gelten. Auch das ist ein kleiner Schritt für mehr Niveau und eine dadurch interessantere EPS.
Das allein dürfte aber nicht reichen, um die Abwärtsspirale wirklich entscheidend zu bremsen, dafür sind die Änderungen zu klein. Wichtiger wäre, langsam aber sicher europäisch zu denken. Soll heißen: Eine rein deutsche Counter-Strike-EPS wird nicht mehr interessant genug werden, um da nochmal einen wirklichen Aufschwung bewirken zu können. Auch die Teilnahme der Alpenländer an den deutschen Ligen wird daran nichts ändern. Die Zusammenführung der französischen, polnischen und deutschen EPS könnte hingegen funktionieren. Warum?
- Es ist genug Qualität da, um wirklich interessante Spiele hervorzubringen.
- Es wird neue Charaktere aus den deutschen Nachbarländern in der EPS geben, die die Liga auf ihre Weise prägen und kurzweiliger machen. Spätestens seit dem Abgang von Kapio, der EAS-Altersteilzeit von mason und der Ruhe, die mittlerweile um gob b herrscht, fehlt es der deutschen EPS nämlich an genau diesen Charakteren.
- Es wird neue Konkurrenzsituationen und Rivalitäten geben. Wer würde sich nicht über einen schönen Bash für ein französisches Team freuen?
- Die drei angesprochenen Pro Series laufen oder liefen nun schon über einen längeren Zeitraum stabil und fallen augenscheinlich nicht durch unzählige Austritte auf. Eine flächenmäßig vergrößerte EPS bräuchte diese Stabilität unbedingt. Deswegen fällt Skandinavien auch als mögliches EPS-Teilnehmergebiet weg.
Die ESL hat mit den nationalen Pro Series versucht, ein in Europa flächendeckendes Ligen-System zu etablieren, das über kurz oder lang als Unterbau für die Extreme Masters und die Major Series dienen sollte. Das ist nicht gänzlich gescheitert, wird jedoch in absehbarer Zeit nicht endgültig zu realisieren sein. Dadurch muss das Grundkonzept in seiner bisherigen Idee nicht mehr zwangsweise beibehalten werden. Die Zusammenführung der polnischen, französischen und deutschen Pro Series ist dadurch kein unüberwindbares Hindernis und – wie zuvor beschrieben – aus verschiedenen Gründen durchaus eine Überlegung wert. Gleichzeitig können die Extreme Masters noch stärker als internationales Event aufgebaut werden, um zu arge Überschneidungen zwischen den beiden Veranstaltungen zu verhindern. Zumal die Extreme Masters durch ihr gut funktionierendes Qualifikationssystem relativ autark von den nationalen Ligen sind und so durch eine Zusammenführung mehrerer Pro Series kein organisatorisches Chaos entstünde.
Letztendlich ist auch das nur eine fixe Idee, die vielleicht als Denkanstoß für mögliche weitere Reformen der ESL Pro Series gelten kann. Fakt ist jedoch: Counter-Strike ist global gesehen keineswegs so „tot“ wie manchmal gern gedacht wird. Dementsprechend dürfte auch für die ESL weiterhin ein Interesse bestehen, die momentan so akuten Probleme der nationalen Pro Series irgendwie zu lösen. Und dass durch so einen Schritt die Attraktivität der Liga auf jeden Fall gesteigert werden kann, steht – für mich zumindest – außer Frage.
Vielleicht können wir uns ja in absehbarer Zeit wirklich auf einen Tag freuen, an dem ein französisches Team in der ESL Pro Series richtig schön von mousesports zerlegt wird.