Ben ‚Mr. Bitter‘ Nichol verstärkt seit wenigen Tagen das Team von ESL TV. Auf dem Battle.net Invitational in Warschau hat er seinen ersten offiziellen Auftritt. readmore.de stellte ihm Fragen zu seinem Job und seinen Ansichten zum Spiel.
readmore.de: Du bist ziemlich weit umgezogen für ESL TV. Was war der Hauptgrund, der dich dazu bewegt hat, deine Heimatstadt zu verlassen und nach Köln zu ziehen?
Ben ‚MrBitter‘ Nichol: Naja, die Chance um die Welt zu reisen und StarCraft zu casten, konnte ich nicht verstreichen lassen. Alle jungen Leute möchten reisen und die Chance, dies zu tun und gleichzeitig seine Leidenschaft auszuleben, ist unglaublich. Also habe ich die Gelegenheit genutzt.
An welchem Punkt wurde dir klar, dass eSport mehr als nur ein Hobby sein könnte und du sogar Geld damit verdienen könntest?
Um ganz ehrlich zu sein, bin ich immernoch nicht zu 100% überzeugt. Ich weiß nicht, ob wir nicht einfach nur auf einer Welle reiten, oder ob es wirklich das Zeitalter des eSport ist. Ich hoffe und möchte, dass es das ist. Wir müssen aber abwarten, wie lange die Leute dieses Spiel spielen werden. Es sieht aber verdammt gut aus, jedes neue Event stellt das Letzte in den Schatten. Ich bin wirklich optimistisch.
Wenn du also noch nicht sicher bist, was hat dich dazu gebracht, eine Vollanstellung bei einem Unternehmen zu wählen und nicht etwa einzelne Angebote wahrzunehmen, wie es Day9 tut?
Day9 ist eine sehr spezielle Person in der Community, er ist derzeit das Gesicht von StarCraft 2. Nicht jeder bekommt die Möglichkeiten, die Sean bekommt. Ich hätte zu Hause sitzen können und mein eigenes Ding machen können, meine eigene Marke auf- und ausbauen können, aber das Angebot der ESL war einfach eine zu große Chance. Wir reisen rund um den Globus und casten StarCraft 2. Damit verbreiten wir die Botschaft des eSport, wie ich zu sagen pflege. Wie könnte ich das ablehnen?
Kannst du dir vorstellen, auch andere Spiele zu casten, wie es bereits andere vor dir getan haben?
Vielleicht, wir werden sehen. Eigentlich hatte ich nie vor, Caster zu werden. Ich war einfach nur ein Spieler, der es liebte StarCraft 2 zu spielen. Dann fragte mich jemand, ob ich nicht casten wollte. Ich dachte mir, warum nicht? Wenn der eSport weiterhin wächst, größer und größer wird und sich die Chance auf eine Karriere bietet, wäre das fantastisch. Wenn nicht, werde ich trotzdem mein Möglichstes geben und versuchen, möglichst viele Fand glücklich zu machen.
Eine Zeit lang warst zu auch als Spieler ambitioniert und hast an einigen MLG Event teilgenommen…
Ja, ich spielte in Dallas und Columbus.
Ist das keine Option für dich? Es ist vermutlich härter, da der Markt für Spieler viel größer ist?!
Zunächst ist es sehr schwer, ein erfolgreicher Spieler zu sein. Ich trainierte sechs bis acht Stunden am Tag und konnte den Besten nicht mal anährend das Wasser reichen. Es ist, als würde man ein Collage-Footballteam mit einem Profiteam vergleichen. Ich investierte all diese Zeit und es kam letztendlich nicht dabei raus. Ich konnte hin und wieder eine Map gegen die Topspieler gewinnen, aber ein ganzes Bo3 oder Bo5 war ziemlich unwahrscheinlich. Ich möchte nicht sagen, dass Casten einfach ist, aber es erfordert nicht die gleiche Stufe an erbarmungslosem Training, das man als Topspieler bringen muss.
„12 weeks with the pros“ war eine ganz spezielle Show von dir. Werden wir eine Fortsetzung davon auf ESL TV sehen?
Ja, auf jeden Fall. Wir werden die Show über die ESL fortsetzen. Wir werden einige weitere Shows, die sich mit den Zergs beschäftigen abdrehen, um die bisherige Arbeit abzuschließen. Danach werden sich die Shows hauptsächlich auf die Terraner fokusieren und schließlich werden die Protoss an der Reihe sein.
Haben dich die Reaktionen der Spieler überrascht? Ich kann mir vorstellen, dass man als Neuer nicht unbedingt erwartet, direkt Zusagen zu bekommen.
Es ist lustig, weil ich zunächst ziemlich beeindruckt war. Sollten sich die ganzen Spieler wirklich dafür interessieren, was wir machten? Aber nach den ersten drei Episoden realisierte ich, dass das alles auch nur Nerds waren, die es liebten, Computerspiele zu spielen und jede Möglichkeit, ihre Leidenschaft mit der Community zu teilen, ergriffen. Es war wirklich toll und erinnerte mich daran, dass die ganze Community auch nur aus Menschen besteht.
Hast du einen Lieblingsspieler?
Ich mag dimaga sehr, er ist wirklich super. Wir machten eine Show mit ihm, es war eine der Späteren und ich war bereits über meine erste Begeisterung („starstruck“) hinweg und musste nicht mehr die ganze Zeit wie ein kleines Mädchen kichern. Alle meine Gäste waren super: ret, Sheth, etc. Es ist wirklich schwer, einen von ihnen auszusuchen, weil sie allesamt fantastisch waren und gute Ansichten mit der Community teilten.
Wenn dir jemand eine Menge Geld anbieten würde, was würdest du im Bereich des eSport tun?
Was ich an StarCraft 2 gegenüber Broodwar liebe, ist die Tatsache, dass die Community ein bisschen mehr einbezogen wird. Im Broodwar hatten die Topspieler ihre eigenen Replays, die sie geheim hielten. Heute werden diese ganzen Strategieren auf dem höchsten Level so schnell öffentlich gemacht und das finde ich toll. Sowas hilft der Entwicklung eines Spiels sehr. Wenn ich meine eigene Show weiter ausbauen wollte, würde ich einfach versuchen, dieses professionelle Level in das Bewusstsein der Community zu rufen. Es ist sehr schwer für jemanden, der in der Diamond- oder in der unteren Masterliga spielt, zu verstehen, warum Jinro an einem bestimmten Punkt im Spiel das tut, das er tut. Ich glaube, mein Hauptaugenmerk liegt darin, die Gedanken eines Profis in die der normalen Spieler zu übersetzen.
Du wirst für ESL TV arbeiten. Letztes Wochenende konnte man dich bei der MLG erleben, ist das etwas, das du nochmal machen würdest?
Ich würde mich freuen, wenn ich nochmal die Chance hätte, mit der MLG zusammenzuarbeiten. Wenn sie mich nochmal einladen sollten und das nicht meinem Vertrag mit der ESL in die Quere kommt, würde ich das sofort machen. Ich bin einfach so begeistert, ein Teil des blühenden Wachstums dieser Community zu sein, also werde ich jede Möglichkeit nutzen, noch mehr zu tun.
Stichwort Wachstum. Siehst du Korea immernoch als Vorreiter, wie es in Broodwar der Fall war?
Die Spieler aus Korea sind nach wie vor die Besten, das wurde zweifelsfrei bewiesen. Das Geschäftsmodell um StarCraft 2 ist jedoch in meinen Augen außerhalb von Korea erfolgreicher. Man sieht scheinbar unbegrenztes Wachstum in Amerika und in Europa existiert bereits eine große Szene, die in nächster Zeit noch weiter boomen wird. Es ist eine schwere Frage, ich denke die koreanischen Spieler werden im Laufe der Zeit mehr in die westliche Szene eingegliedert und StarCraft 2 wird eher eine globale Angelegenheit, statt etwas, das entweder in Seoul oder in Köln stattfindet.
Du hast also keine Angst, dass Turniere langweilig werden könnten, weil die vorderen Plätze ausschließlich von Koreanern belegt werden? Davon konnten wir in den letzten Wochen bereits einen ersten Eindruck gewinnen.
Ich fürchte mich schon etwas vor dieser Möglichkeit, da es das Zuschauen etwas öde machen würde. Es gibt aber nichts, was ich dagegen tun könnte, die nicht-Koreaner müssen sich einfach mehr anstrengen und ihr Gameplay auf das nächste Level verbessern. Der erste Schritt dieser Verbesserung läuft bereits, in dem koreanische Spieler ausländischen Teams beitreten und die Trainingsmoral in den Teamhäußern beeinflussen, in dem sie mit nicht-Koreanern zusammen trainieren. Das wird letztendlich passieren, ich glaube, dass Puma, nachdem er EG beigetreten ist, irgendwann auch in deren Haus leben wird. EG ist ein gutes Beispiel, denn es ist eine Gruppe von führenden Topspielern, die in letzter Zeit nicht ihre volle Leistung abrufen konnten. Ich hoffe, dass dieser koreanische Einfluss die Foreigner wieder motivieren wird, aber ich befürchte, dass dies vielleicht nicht der Fall sein wird. Man muss einfach abwarten, aber das wird auf jeden Fall die nächste große Aufgabe sein.
Was hältst du davon, Events auf bestimmte Regionen zu beschränken?
Ich denke, dass regionale Events toll sind, da man so feststellen kann, wer sich zu einer bestimmten Zeit an der Spitze befindet. Würde man aber zum Beispiel bei der Dreamhack nur schwedische Spieler zulassen, wäre das gewissermaßen eine Beleidigung für die internationale Community. Wir haben den Koreanern und der internationalen Community die Türen geöffnet, sie würden es uns irgendwann zurückzahlen, wenn man ihnen diese nun wieder vor der Nase zuschlagen würde. Die nicht-Koreanische Community muss sich verbessern und das wird sie auch, ich hoffe nur, dass es schnell genug gehen wird.
readmore.de bedankt sich für das Interview.