Mit der Verlagerung nach Polen hat Blizzard sich in diesem Jahr vom gewohnten Mediapark in Köln verabschiedet und neue Ufer erkundet. Schon nach dem ersten Tag ist klar: Etwas Besseres hätte dem Turnier und seiner Stimmung nicht passieren können.
Als er die Taste G doppelt antippt und danach mit Enter bestätigt, hat White-Ra den Zuschauern einen Gefallen getan. Ihr Lokalmatador Nerchio ist in der nächsten Runde. Während an anderen Orten jetzt der Sieger gefeiert werden würde und der Verlierer niedergeschlagen seine Tastatur ausstöpselt, passiert in Warschau etwas anderes. Mit tosenden Sprechchören wird White-Ra, einer der Lieblinge vor Ort, standesgemäß aus dem Turnier verabschiedet.
Die polnischen Fans zelebrieren das Spektakel in StarCraft 2 wie kaum andere Zuschauer. Stehender Applaus für Sieger einer Map, emotionale Ausrufe bei gekonnten Aktionen und Unmengen selbst gestalteter Plakate findet man in dem Ausmaß selten. Und auch wenn sich vor Ort selten nachvollziehen lässt, was genau gesagt wird, scheint das polnische Kommentatorenduo es bestens zu verstehen, die Stimmung anzuheizen.
Einen Ausschlag zur Stimmung gibt die liebevoll gestaltete Location in einem Kinosaal, die trotz ihrer einem Hexenkessel würdigen Temperaturen über Stunden bis zum Anschlag gefüllt ist. Ein Bildschirm in Leinwandgröße und mit entsprechender Qualität sorgt für ein exzellentes Zuschauererlebnis.
Zufällig sind hier aber, anders als bei gamescom und CeBIT, die wenigsten Zuschauer gekommen. Wer hier sitzt, muss zielstrebig den Weg dorthin gewählt haben. Umso interessanter die Zusammensetzung des Publikums, das neben dem in entsprechender Anzahl erschienenen klassischen Nerd auch viele Frauen und Kinder umfasst. Sogar beim Essen im Restaurant nebenan enthüllt der Kellner, selbst ein engagierter Gamer zu sein – so wie, das sagt er zumindest, auch sehr viele seiner Landsmänner und -frauen.
Und so wird das Event hier, anders als noch im Mediapark, zu einem echten Spektakel mit spür- und hörbaren Emotionen. Dass World Of WarCraft, anders als in Vorjahren, nur einen minimalen Anteil an den übertragenen Matches darstellt, scheint vor Ort niemanden zu stören – die Ankündigung, bald würde es noch zu sehen sein, lässt das sonst so aktive Publikum erstaunlich ruhig. Umso aktiver werden Aktionen bei StarCraft 2 kommentiert, die das Publikum fast ausnahmslos auch wirklich zu verstehen scheint.
Mit Sicherheit ist StarCraft 2 auch mitverantwortlich dafür, dass mehr Fans den Weg ins Zuschauerareal gefunden haben als 2010 oder 2009. Aber schon die Erfahrung der ESL Pro Series in Polen zeigt, dass hier deutlich mehr Grundbegeisterung vorhanden ist. Insofern wäre es wenig verwunderlich, wenn Blizzard im nächsten Jahr wieder hier Station macht. Denn Köln, so hart es auch klingen mag, hat seine Chance verspielt.