In den frühen Morgenstunden werden morgen die e-Stars Seoul 2011 starten. Nicht zuletzt wegen der Zeitverschiebung und den für Europäer somit unfreundlichen Spielzeiten hat das Event in den letzten Jahren nicht immer die Aufmerksamkeit bekommen, die es verdient hätte. Dabei steckt hinter dem Turnier mehr (finanzielle) Macht, als sich manch einer vorstellt. Aus Seoul berichtet Nils ‚hellphyte‘ Johannsen.
Zugegeben, es war nicht immer einfach, sich in den letzten Jahren als normaler Zuschauer für die e-Stars zu begeistern. Immer wieder versuchte das Turnier mit außergewöhnlichen Turniersystemen wie z.B. dem „Continental Cup“, dem Wettkampf der Kontinente, auf sich aufmerksam zu machen und schuf dabei auch fast schon legendäre Spielmodi wie den unglücklich getauften „Threesome“. 2009 hatte man dazu die Idee, de_aztec und de_cbble in den Mappool für den Continental Cup aufzunehmen. Einfach, um das Turnier aufzulockern, wie die Organisatoren heute sagen. Doch dieses Jahr ist alles etwas simpler: Es wird (endlich) wieder ein ganz normales Turnier gespielt, in dem sich die Teams wie gewohnt durch einen Turnierbaum quälen. Keine Experimente also. Das gibt Zeit, einmal in Ruhe hinter die Fassade der e-Stars zu gucken.
Massenmedien und eSport Hand in Hand
Hinter den e-Stars steht die JoongAng Ilbo, die zu den drei größten Tageszeitungen in Südkorea und zu den 20 größten der Welt gehört. Bei JoongAng beschäftigt man eine eigene Abteilung, die nur darauf spezialisiert ist, eSport-Events zu organisieren. Das sind momentan hauptsächlich die e-Stars und die World e-Sports Masters für den chinesischen Markt. Viele der dortigen Mitarbeiter haben jahrelange Erfahrung in ihrem Fachgebiet, waren u.a. schon 2005/2006 für die World eSport Games zuständig. Dem Turnier, für welches die Teams damals (auch mousesports) für mehrere Monate nach China umzogen. Hier agiert im Hintergrund also ein Unternehmen, von dessen Dimensionen und finanziellen Möglichkeiten die meisten westlichen eSport-Firmen nur träumen können.
Nicht zuletzt spiegelt sich diese Macht im Budget wieder: 2010 hatte man insgesamt eine Million Dollar zur Verfügung, Tendenz steigend. Auch weil die Stadt Seoul fleißig hilft. So lässt es sich der Bürgermeister der 18 Million Einwohner-Metropole in der Regel nicht nehmen, vor Ort Grußworte an die Zuschauer zu richten. Denn er und die Organisatoren wissen, wie man Spieler lockt. Mit Scheinen. Schon alleine für die Teilnahme an den World e-Sports Masters 2010 bekam jedes CS-Team 4.000 Dollar überwiesen, auf den e-Stars 2010 ging jeder WC3-Spieler mit mindestens 550€ nach Hause. Und geht man davon aus, dass die vier südkoreanischen Qualifikationsteams sich die letzten vier Plätze teilen werden, fährt auch im Jahr 2011 jedes Team um mindestens 2700€ reicher nach Hause. Nicht unüblich ist dabei auch, dass die Scheine direkt cash im Hotel ausgezahlt werden. Für alle anderen Fälle garantiert JoongAng eine Überweisung innerhalb von 90 Tagen und hält dieses Versprechen auch, im Gegensatz zu vielen anderen Turnieren. Wozu aber dieser ganze finanzielle Aufwand?
eSport-Seoul will der Welt zeigen, was man hat
Die e-Stars sind in erster Linie ein Prestige-Projekt. Ein Turnier, nur um zu zeigen, dass Seoul die Welthauptstadt des eSport ist und niemand anderes an diesem Status kratzen darf. Ein Motto des Turniers lautet u.a. „Revitalization“, das soll bedeuten: Mit den Impulsen aus Seoul kann der eSport-Markt in anderen Länder wieder belebt werden. Das lässt alle anderen eSport-Nationen fast wie Entwicklungsländer, die gnädige Hilfe beziehen, dastehen. Aber die e-Stars können es sich erlauben. Insgesamt 15 Millionen Zuschauer verfolgten das Event letztes Jahr, die meisten davon im chinesischen und koreanischen Kabelfernsehen. Dazu kamen 61.000 in die Location, um live dabei sein zu können. Zum Vergleich: 2007 waren es „nur“ 10 Millionen und 13.000. Aber in Seoul will man noch mehr, will noch weiter wachsen. Dieses Jahr ist mit MSI sogar noch ein zahlungskräftiger Namenssponsor an Bord gekommen.
Und auch die Location ist mehr als beeindruckend: Das COEX Convention & Exhibition Center ist wie schon 2010 Austragungsort der Spiele. Der Komplex gehört zur COEX Mall, die zu den größten Shoppingzentren der Welt gehört. Zusammen mit dem Veranstaltungscenter weißt die Mall eine Fläche von mehr als 100.000.000m² auf. Wer hier, mitten im Zentrum Seouls, sein Event abhalten kann, hat ein bunt gemischtes und vor allem zahlreiches Publikum sicher.
Auch morgen werden mit Sicherheit wieder etliche Familien mit ihren kleinen Kindern an der Hand in die Location strömen, um sich in der e-Stars-Halle mit Gamingerlebnissen aller Art berieseln zu lassen. Wenn man das dann mit normalen westlichen Events vergleicht, wird klar, warum ein Slogan der e-Stars auch gleichzeitig ein durchaus realistischer Anspruch ist: „Make Seoul as No.1 digital culture City“.