Kaum einen Monat vor dem ESWC 2011 lässt der Veranstalter die Hosen runter. Weil in unzähligen Ländern Partner fehlen, wird die Qualifikation online ausgespielt, auf wenige Slots reduziert und kostenpflichtig. Nur ein weiteres Ereignis in einer Kette von Entwicklungen, die den Sarg des traditionsreichen Turniers mit Nägeln bestückt. Von Ulrich Schulze.
Wird im eSport danach gefragt, was Algerien, Marokko und Saudi-Arabien gemeinsam haben, dürften wohl erst einmal einige Minuten des Schweigens vergehen. Kleiner Tipp: Es ist nicht die Tatsache, dass sie alle einen gehörigen Anteil ihrer Landesfläche in einer Wüste wiederfinden. Dabei ist die Antwort gar nicht so schwierig: All diese Nationen haben eine eigene Qualifikation zum ESWC 2011. Das ist in diesem Jahr ziemlich außergewöhnlich, denn Nationen wie Deutschland, Schweden und die USA kommen nicht in den Genuss dieser Annehmlichkeit.Spieler aus 26 Ländern müssen sich in einem gemeinsamen Qualifier um einen von vier, bei StarCraft 2 sogar acht Qualifikationsplätzen, streiten. Die zwei Besten bekommen sowohl die Möglichkeit, im Oktober nach Paris zum Turnier zu fahren, als auch die Hotelkosten erstattet. Für die Teilnahme an der Qualifikation allerdings müssen sie erstmal Geld auf den Tisch legen. Zehn Euro pro Teilnehmer werden fällig. Wer keinen Slot ergattert, kann sich für einen bewerben und muss dann 200 US-Dollar je Spieler abdrücken, um teilzunehmen.
Nun sind Teilnahmegebühren nicht so ungewöhnlich, wie manch einer denken mag. Auf irgendeine Art und Weise verlangen viele Turnierveranstalter eine Beteiligung, um ihre Veranstaltungen finanziell abzusichern. Gelegentlich von den Spielern selbst und häufiger durch Lizenzhalter wird abgesichert, dass nicht nur die Sponsoren der Finalspiele für den Geldfluss sorgen.Das hat in den letzten Jahren allerdings immer weniger funktioniert, wenn nationale Qualifikationen an Lizenznehmer abgegeben wurden. Die globale Revolution Kode 5, zuletzt als Minirevolutiönchen in Südamerika abgehalten, ist bereits von der Bildfläche verschwunden, die World Cyber Games leiden auch unter zunehmenden Kürzungen ihrer Partner: Deutschland schickt kein CS-Team, in den USA wurde gleich für fast alle Spiele die Reisekostenübernahme gestrichen. Dass es dem ESWC da nicht anders geht, verwundert kaum.
Allerdings hat das französische Turnier eine ereignisreiche Geschichte hinter sich. Einst einer der Höhepunkte des Jahres und nach Meinung vieler mit dem besten Finale aller Zeiten im Jahr 2007, musste Games Services schließlich Insolvenz anmelden und die Auszahlung von Preisgeldern einstellen. Als das Turnier mit neuem Betreiber wieder ins Leben gerufen wurde, tat man sein Bestes, um die Gemüter zu beruhigen. Fehlende Gewinne wurden ausgezahlt, die neuen Preisgelder durch Bankgarantien abgesichert.Das Finale im Jahr 2010 geriet trotzdem zum Debakel. In viel zu warmen Zelten im Disneyland spielte man mit amateurhafter Streamübertragung ein Turnier aus, das sämtliche Erwartungen enttäuschte. Verluste in sechsstelliger Höhe und wutentbrannte Sponsoren, die statt 80.000 nur 3.000 Fans vor Ort antrafen, ließen eine Zukunft kaum wahrscheinlich sein.
Aber ein eSport-Event wäre kein eSport-Event, wenn man den Karren vor der endgültigen Aufgabe nicht erst richtig in den Dreck fahren würde. Und so wurde irgendwo das Preisgeld für 2010 zusammengekratzt und ausgezahlt, eine erneute Bankbürgschaft für das Jahr 2011 angekündigt und die Paris Games Week als Lokation auserkoren. Nach und nach kündigte man Disziplinen an, nahm dabei WarCraft 3 erst auf die Liste und strich es dann klammheimlich wieder runter. Am Ende blieben sechs Disziplinen und das Warten auf die Qualifikationsankündigungen.Und so blieb man auch der ESWC-Tradition treu, einen Boykott der Topteams zu provozieren, indem man diesmal eine Teilnahmegebühr ankündigte. Freilich würde die nicht anfallen, wenn das Land eine eigene Qualifikation hätte. Das ist aber nicht nur in eher nebensächlichen Nationen der Fall, sondern dort auch äußerst fraglich. Die meisten Webseiten sind im Aufbau, jeder weitere Klick in der Qualifierliste lässt schon vorher ein rotierendes „Under construction“ GIF vor dem inneren Auge auftauchen. Wenn dann mal eine Seite funktioniert, ist die Anzahl der Disziplinen sehr eingeschränkt oder die Glaubwürdigkeit lässt stark zu wünschen übrig. Wieviele Spieler am 30.11.1999 zum nationalen Finale in Bolivien aufgetaucht sind, um sich für ein zwölf Jahre danach stattfindendes Turnier zu qualifizieren, ist nicht bekannt; von den weiteren groben Fehlern auf der Webseite ganz zu schweigen. Da hilft auch wenig, dass der indische Vorausscheid mit Bildern von tanzenden Gamern wirbt.
So bleibt den meisten Teilnehmern nur noch die Onlinequalifikation oder -bewerbung. Bei 26 Ländern und defensiv geplanten 200 Teilnehmern insgesamt sind die durch die gewonnenen Slots entstehenden Kosten für die Qualifikation längst wieder reingeholt. Wieviele Spieler dann allerdings für den weitaus größeren Anteil der Slots die 200 US-Dollar in die Hand nehmen, um im schlimmsten Fall nie ein Preisgeld zu sehen, ist fraglich. Reihenweise Absagen wären freilich das schlimmste Szenario für den Veranstalter, der offenbar in großer Geldnot ist.
Wenn alles scheitert, werden wohl ein paar wenige große Namen im Duell mit den besten Gamern aus Armenien, La Reunion und Slowenien stehen. Dann finden die Finalspiele wenigstens so statt, wie es dem desaströsen Vorlauf in diesem Jahr angemessen ist: Heimlich, still und leise. Und für den Gamer zuhause bleibt nur die Hoffnung auf einen heroischen Fotografen in wichtiger Mission, der angemessene Bilder vom Female-Turnier schießt.



