Valve hat Counter-Strike: Global Offensive und ein großes Team zu den Intel Extreme Masters nach New York City gebracht, um das Spiel auf die Probe zu stellen. readmore.de-Redakteur Ulrich ‚FlyingDJ‘ Schulze nutzte die Chance, um selbst einmal Hand anzulegen und sich einen eigenes Bild zum aktuellen Entwicklungsstand machen zu können und ein paar Bretter zu kassieren.
Zwei gezielte Salven aus der USP bringen ihn zu Fall. Patrik Sättermon hat keine Chance im Duell auf kurze Distanz, als er aus dem Radioraum hervorlugt. Der besser als cArn vom Team fnatic bekannte Spieler wird somit mein offizieller erster Frag im neuen Ableger der Counter-Strike-Reihe. Global Offensive soll Communities vereinen und ein zwölf Jahre altes Spiel im eSport ablösen. Mir bringt es zunächst einmal die Befriedigung, einen absoluten CS-Profi umgenietet zu haben.Das Spiel in New York testen zu dürfen ist auch für mich etwas Besonderes. Irgendwann im Jahr 2000 machte mich ein Freund auf Counter-Strike aufmerksam. Bis dahin hatten wir bei Half-Life freudig mit Armbrust und Raketenwerfer die virtuellen Gegner gejagt und auf Crossfire den roten Knopf gedrückt. Aber wir wollten Realismus, und den bot uns Counter-Strike. Die M4 hatte noch einen Zoom-Modus, cs_assault spielte man in Wettbewerben und Steam war noch nicht einmal gedanklich geboren. Trotzdem war es direkt ein unheimlicher Spaß, zu fünft gegen ein anderes Team anzutreten. StarCraft, bis dahin entscheidender Aspekt meiner Freizeitbeschäftigung, war kein Thema mehr.
Counter-Strike hat einen großen Teil meiner Jugend geprägt. Von den gefrusteten Stunden, weil ich mit 15 noch nicht zur LAN durfte, bis zu den hitzigen Diskussionen über die schwarzen Bereiche der gezoomten AWP gab es kein Spiel, das im noch jungen 21. Jahrhundert derartigen Einfluss auf die Entwicklung des elektronischen Sports hatte. Teams entwickelten sich, die GameStar hielt legendäre Turniere ab und das Schroet Kommando fuhr nach Südamerika für ein Turnier. Irgendwann kam allerdings die Abiturzeit, das Interesse wurde kleiner. Steam war auf meinem eSport-Radar nur noch eine Randnotiz wie das Erscheinen von Counter-Strike: Source.
Zu mehr als 15 Minuten freiwilligem Spielen hat es der unglückliche Nachfolgekandidat des einstigen Half-Life-Mods bei mir nicht geschafft. Die unzähligen Stunden, die ich per Livestream verfolgen konnte, boten ebenfalls keinen Anreiz. Counter-Strike, mittlerweile bei Version 1.6 angelangt, war für mich nicht kaputt. Wieso sollte ich es mit etwas reparieren, das nicht nach deutlich mehr Spaß aussah? Die CGS-Profis, die nach ihren Abenteuern mit der Source-Engine heilfroh waren, wieder die modifizierte Quake-Grafik gerendet zu sehen, taten ihr Übriges. Noch heute startet mein Rechner regelmäßig Counter-Strike 1.6.
Nun sitze ich also vor diesem Rechner und bin mitten in meine ersten Partie Counter-Strike: Global Offensive. Hier soll nicht nur ein Spiel veröffentlicht, sondern ein ganzer eSport-Bereich neu belebt werden. StarCraft hat das im letzten Jahr geschafft, das Update des zwölf Jahre alten Vorgängers hat einen Siegeszug ohnegleichen angetreten. Global Offensive soll das für Counter-Strike tun, das irgendwie im Limbo gefangen ist. Mittlerweile spielen zwar mehr Spieler auf Basis der Source-Engine, aber im eSport dominiert weiterhin der Vorgänger. Und das vermeintlich neue Spiel hat mittlerweile auch sieben Jahre auf dem Buckel und trägt eine unendliche Last aus negativen Gefühlen mit sich herum. Es ist längst kein Duell von 1.6 gegen Source mehr, sondern von Counter-Strike gegen den Zahn der Zeit.Nun soll ich hier also darüber befinden, ob Global Offensive dieses Duell aufnehmen kann. Ich habe Counter-Strike nie auf einem relevanten Niveau gespielt, aber ich bin auch kein Fan von Counter-Strike: Source. Vielleicht bin ich dadurch völlig ungeeignet als Tester. Vielleicht hilft es aber auch, dass ich kein wirtschaftliches Interesse an einer Entwicklung in irgendeine Richtung habe. Für mich ist nur entscheidend, ob ich dieses Spiel anstelle von 1.6 starten würde und ob es die richtigen Features für den eSport mitbringt.
Als ich das Spiel in der Taskleiste suche, muss ich auf ‚Counter-Strike: Source‘ klicken. Diese Tradition zeigt sich auch auf den Maps, bei denen sich zwar weder Layout noch Name, dafür aber Aussehen und Objektvielfalt stark geändert haben. Auf Nuke steht eine Reihe von Fässern mit offenbar toxischem Inhalt in der Halle und die Wände zieren Schilder mit deutscher Beschriftung. Inferno hat Dächer über den Bombspots und einen Brunnen auf dem kleinen. So weit, so Source.
Aber nicht alles ist wie im direkten Vorgänger. Wer sich ein paar Schritte bewegt und per Konsole das Fadenkreuz umstellt, fühlt sich auch als Oldschool-Spieler sofort zuhause. Zwar sind Bugs wie der Russenduck verschwunden, aber der Rest ist 1.6 sehr ähnlich. Und angesichts von Spielern wie ksharp und Volcano im gegnerischen Team wird schnell klar, dass man auch bei Global Offensive zielen muss. Die übermächtige Deagle ist wieder Vergangenheit, die AK benötigt weiterhin eine kontrollierte Hand. Wer wie ich im Laufen schießt, trifft von gelegentlichen Zufallstreffern abgesehen so gut wie nichts. Im Gespräch versprechen die Entwickler, dass man die Recoil-Muster erlernen kann. Ein wichtiger Aspekt insbesondere für die Profis im Spiel.
Nicht alles, was das Spiel bietet, hat man schon mal gesehen. Während der Flashbang eine Kombination aus den 1.6- und Source-Versionen darstellt und die HE-Granate sich wie immer wirft, sind Decoy und Molotov neu. Erstgenannte simuliert ein zufälliges Muster aus Gewehrfeuer und kostet 200 Dollar. Auch wenn im relativ unkoordinierten Free For All der Nutzen noch nicht ganz klar wird, sind die Möglichkeiten des Einsatzes vor allem in Situationen mit nur wenigen Spielern durchaus spannend. Der Kauf allerdings stellt durchaus ein Risiko dar. Während Flash und HE immer sinnvoll einsetzbar sind, ist das bei der Decoy nicht unbedingt sicher. 200 Dollar sind aber auch keine substanzielle Investition.Der Molotov-Cocktail ist da schon eher ein teurer Kauf. Für 850 Dollar bietet sich die Chance, manche Wege für den Gegner temporär nicht oder nur unter Schaden passierbar zu machen. Wer auf nuke die Tür in der Halle mit einem solchen brennbaren Geschoss blockiert, kann sich gegen schnelle Rushes absichern. Allerdings muss zuerst angezündet werden, dann wird geworfen. Das dauert eine Weile und taugt daher nicht für spontane Aktionen. Aber wer 850 Dollar ausgibt, sollte ohnehin einen guten Plan mitbringen.
Neu sind auch einige Waffen, die meist nach der ersten Benutzung für wenig tauglich befunden werden. Eine billigere, dafür auch schwächere Variante der HK UMP? Eine teureres Maschinengewehr mit 50 Schuss im Magazin, falls die Para nicht ausreicht? Schwer vorzustellen, dass diese ihren Weg in irgendeine sinnvolle Partie Counter-Strike finden werden. Aber wichtig ist das ohnehin nicht, denn das gewohnte Arsenal aus Famas, Galil, Desert Eagle, AK47 und M4 ist weiterhin dabei – wenn auch bisher ohne Schalldämpfer bei der CT-Standardwaffe.
Dass am Ende der Runde der MVP festgestellt wird, alle Teamkameraden dauerhaft am oberen Bildschirmrand mit kleinen Icons zu sehen sind – nette Features, die aber über den Erfolg nicht bestimmen werden. Wichtiger sind dafür Sachen wie Hotkeys für Spectator, mit denen Spieler direkt angewählt werden können. Endlich wird es Zuschauern erspart, den Kommentatoren beim Switchen durchs gesamte Team zuzuschauen. Auch der Kontostand aller Teamkameraden ist im Scoreboard dauerhaft sichtbar. Eine interessante Neuerung, die vor allem den Ansagern im Team weiterhelfen wird.
Und so lasse ich mich noch einige Male von den CS-Profis niederschießen und verteile selbst einige mehr oder weniger geplante Abschüsse. cArn lehnt zwar direkt jegliche Karriere in CS:GO ab, aber die anderen anwesenden Spieler würden schon mal antesten. Valve hat ein großes Team geschickt, das sich das Feedback anhören soll. Sie sind sich ihrer großen Aufgabe bewusst, zwei Communities zufriedenzustellen. Aber sie haben auch Blizzard gesehen, die mit StarCraft 2 trotz viel Gegenwind in frühen Phasen einen Spagat zwischen mehr Einsteigerfreundlichkeit und einem angemessenen eSport-Titel geschafft haben.
Nun sind sie darauf aus, genau das auch für Counter-Strike zu tun. Wenn bald die geschlossene Beta startet, ist neben readmore.de auch ein Teil der Community mit dabei. Was bisher zu spielen war, lässt Gutes hoffen. Counter-Strike 1.6 ist längst nicht mehr so stark wie zum Release von Source 2004. Global Offensive steht für konsequente Weiterentwicklung. Vielleicht schafft es dann im Jahr 2012 das, was StarCraft 2 aus Broodwar gemacht hat: einen Klassiker, der in wohlverdienter Erinnerung steht, während der Nachfolger die Welt erobert.


