„First business, then party“ ist eine populäre eSport-Phrase. In der Natur der Sache liegt dabei, dass die Athleten, die im eSport-Business am wenigsten erfolgreich sind, die größten in Sachen Party sind. So zum Beispiel der namibische SC2-Spieler, der auf dem Turnier Protoss, im Nachtclub jedoch Primat spielte. Das macht Moscow 5 nicht mehr. Ihr Ausnüchterungsprozess benötigte jedoch die Hilfe eines Snipergewehrs. Aus Busan bloggt Nils ‚hellphyte‘ Johannsen.
Der letzte Tag eines Events ist bei weitem immer der Langweiligste: Die meisten Spieler, die schon aus dem Turnier ausgeschieden sind, haben mit großer Wahrscheinlichkeit ihren Frust in der letzten Nacht ertränkt und werden aller Erfahrung nach nicht mehr in der Location aufschlagen. Da kann man fast von Glück sagen, dass sowieso nur die drei Erstplatzierten Preisgeld bekommen. Ansonsten ist es unter Counter-Strike-Teams auch schon vorgekommen, dass ausgelost wurde, wer so nüchtern bleiben muss, dass er am nächsten Tag seriös wirkend den Preisgeldscheck entgegen nehmen darf.
Auch Moscow 5 sieht recht nüchtern aus. Man erinnert sich: Auf den Samsung European Championship in Warschau hatte man ja so heftig in den Geburtstag von Na’Vis Zeus reingefeiert, dass Roman ‚ROMJkE‘ Makarov am nächsten Tag so besoffen war, dass das Team fast aus dem Turnier geworfen wurde. M5-Manager Dmitryi ‚ddd1ms‘ Smelyi überlegte daraufhin, den Trunkenbold zu feuern. Er zeigte dann allerdings seine nette Seite und ließ von dem Plan ab. ROMJkE darf also weiter im luxuriösen Teamappartement in Moskau wohnen und sein vierstelliges Dollar-Gehalt beziehen. Allerdings hat er während des Events auch immer die wachsamen Blicke eben jenes Managers im Rücken.Und ja, der M5-Manager ist der gleiche junge Mann, der sich nach einer Niederlage des Teams mit einem Scharfschützengewehr fotografieren ließ und als Kommentar in einem russischen sozialen Netzwerk postete: „Ich kann nicht sagen, wen ich im Visier habe.“ Motivation auf Russisch. Immerhin: Alle Spieler leben noch, sind weiterhin im Team und spielen sogar richtig gut. Ach ja: Als das Team vor ein paar Monaten ein offizielles Spiel gegen Virtus.pro verlor, wurde auch öffentlich mit der Streichung eines ganzen Monatsgehalts gedroht. Der M5-Manager kann es sich leisten das oben genannte Appartement der Spieler befindet sich in seinem Firmengebäude, in dem auch seine Baufirma residiert.
Eine unfreiwillige Gehaltskürzung könnte auch Teilen des deutschen Teams widerfahren. Marc ‚yAwS‘ Förster erzählte gestern, dass er bei seinem letzten Koreaaufenthalt vergessen hatte, die Datenübertragung bei seinem Smartphone auszustellen. Eine drei- oder vierstellige Rechnung ist dann je nach Geschäftstüchtigkeit des Netzanbieters durchaus üblich. Als yAwS dann am dritten Tag in Busan innerhalb des deutschen Teams den Tipp gab, Datenroaming abzuschalten, blickte er in viele erstaunte Gesichter: „Was ist das für eine Option?“
Ich muss mich übrigens korrigieren, als ich die letzten Tage den hier liebevoll genannten „Namibian Bushman“ als einzigen WCG-Teilnehmer Namibias bezeichnete. Das Land hat auch einen SC2-Spieler hier (Werner ‚wern‘ Wormsbaecher…), der allerdings eher wie ein Finne aussieht. Sein Verhalten in den Nachtclubs kommt jedoch dem eines Buschmanns nahe: Mit nacktem Oberkörper stürmte er im Club Bühne und Tanzfläche und versuchte, koreanische Frauen mit Balzbewegungen aller Art zu beeindrucken. Als andere Spieler jedoch anmerkten: „Zieh dir mal ein T-Shirt an, das sieht ja ekelhaft aus“, zeigte er sich nach einen Blick in den Spiegel einsichtig: „Hm ja, stimmt schon.“ Aber er sei der namibischen WCG-Organisation sehr dankbar, dass sie ihm die kostenlosen Partyreise nach Korea spendiert hätten.
Nicht oben ohne, aber auch ziemlich angeheitert waren die vier schwedischen Vertreter von rakaka und fragbite. Als Resultat schaffte es am nächsten Morgen lediglich ein Halber von ihnen in die Location: „Ich glaube, die anderen kommen heute nicht mehr…“ war seine knappe, aber dennoch zutreffende Situationsbeschreibung. Gegen Nachmittag schafften es die drei Restlichen dann doch noch, aber hatten Stunden davor immerhin für einen recht lustigen eSport-Telefonstreich gesorgt.
Aus irgendeinem Grund wurde morgens um fünf darüber philosophiert, dass die schwedische CS-Legende Johan ‚vesslan‘ Ryman bei einem Turnier im Jahr 2003 oder 2004 0:12-Stats hatte. CAN Yang, koreanischer Turnierveranstalter, fiel dabei in Schnapslaune ein, dass er vesslans Handynummer noch gespeichert hat und drückte prompt die grüne Taste: „Hey vesslan!“…“Hi, was gibt’s? Ich bin gerade in Brasilien!“…“0:12!“…aufgelegt.Bleibt abzuwarten, welche Späße heute Nacht ausgepackt werden. Die meisten Beteiligten müssen direkt am Montag Morgen wieder abreisen, wodurch die Jahre über die Tradition entstanden ist, dass alle in der letzten Nacht gemeinsan durchmachen und sich direkt vom Feiern auf den Weg zum Flughafen machen. Mit dieser letzten schweren Prüfung vor Augen soll die vor Ort-Coverage hiermit auch abgeschlossen sein. Hoffentlich bis zum nächsten Jahr aus Kunshan!

